Jeff Beck – die Nachtigall mit dem Marshall Turm

Jeff Beck - die Nachtigall mit dem Marshall Turm

Eben war ich in der Zitadelle Spandau und habe Jeff Beck mit seiner kleinen Band gesehen und gehört. Im Vorprogramm spielte der Blues-Man Buddy Guy mit seiner Band.

Jeff Beck ist unglaublich. Es war das musikalisch beeindruckendste Konzert für mich seit vielleicht einem Jahr und Alexander Schlippenbach.

Und der eher hausbackene Routinier Eric Clapton, den ich vor einigen Jahren in der Waldbühne hören durfte, ist im Vergleich dazu der gute Mucker von der Tanzband im Gasthaus Zenner.

Fleetwood Mac's Gitarrist macht Akustik-Pop

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Rating: ★★★★½

Wer das reduzierte, immer klar strukturierte Gitarrenspiel und die erlesene Kompositionen von Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac nicht genau beobachtet hat, ist hier überrascht: Akustische Gitarren, absolut virtuos und ausdrucksvoll gespielt, übereinander geschichtet zu kleinen Pop-Sinfonien in der britischen Tradition von Terry Hall, Al Steward und Paul McCartney. Hier zeigt sich, dass Buckingham das melodische abwechslungsreiche und feinsinnige Gegengewicht zu der gut geölten Rhythmusmaschine Mick Fleetwood/John McVie bei Fleetwood Mac war.

Das klingt, als wäre Brian Wilson mit der Elite der britischen Pop-Musiker unterwegs gewesen, um das ultimative Pop-Gitarrenalbum einzuspielen. Einfach überragend. Ich liebe britischen Pop auf diesem Niveau. Mehr davon!

Paradise And Lunch – 30 Jahre alt und richtig perfekt

Überragendes Frühwerk des Musikforschers und Gitarristen Ry Cooder,

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Rating: ★★★★★

Ein Meilensteinalbum des großen Ry Cooder: Die Auswahl der (fremden-) Songs ist wie immer exotisch und sehr abwechslungsreich. Zwei überragend perfekt und lebendig eingespielte Traditionals (der Eisenbahn-Song “Tamp Em Up Solid” und das gospelig-vertrackte “Jesus On The Mainline”) wechseln sich ab mit virtuosen und seelenvoll interpretierten Coverversionen, wie dem verspielten Reggae “It’s All Over Now” von Womack/Womack.

Instrumental und musikalisch absolut brilliant: Fette Bässe (Produzent Russ Titelman spielte einen sehr groovigen E-Bass ein) auch von Bläsern (Tuba kommt gut bei Tänzen!), treibende Drums von Jim Keltner und Milt Holland und eine abwechslungsreiche, energische und im Gegensatz zu heutigen Produktionen Cooders ultra-präzise Gitarre.

Ein perfekt ausgewogenes und sehr transparentes Klangbild (Tonmeister Lee Herschberg) stellt jedes Instrument gleichwertig in den Raum. Und wie die gut aufgelegten Sänger um Bobby King und Russ Titelman den Songs Gospel- und Soul-Feeling mit auf den Weg geben – das ist eine Produktion, die auch heute noch frisch und absolut modern klingt.

Mein persönliches Highlight neben dem Opener “Tamp Em Up Solid” ist übrigens das Cover “Ditty Wah Ditty” am Schluss. Wie Ry Cooder hier allein mit mit dem eleganten Pianisten Earl Hines und seinen perlenden, präzisen Pianofiguren ein lustiges Nonsense-Lied zum Grooven bringt, das ist in dieser Besetzung wohl einmalig. Tolle und abwechslungsreiche Musik mit einem Sahnesound – was will man mehr?

Überragendes "Ausprobieralbum" der Van Halens,

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Rating: ★★★★½
Ich bin unter die ganz harten Partyrocker gegangen und höre Van Halen. Das wäre noch keine Meldung. Die Meldung ist: Schön ist es mit dieser Band und ihren lauten Gitarren. Kein Wunder: Zwei Brüder mit klassischer Musikausbildung, einer davon möglicherweise der abwechslungsreichste und interessanteste Rockgitarrist der Welt (zusammen mit Jeff Beck) und dann noch ein Musikstil, der über alle Genres hinweg geht, wirklich nichts auslässt und damit meinen eigenen musikalischen Vorlieben sehr entgegenkommt. Zutiefst bürgerlich wegen der technischen Schwierigkeiten und irrwitzigen Vielfalt, anspruchsvoll und immer etwas rüpelhaft – da fühle ich mich doch gleich angesprochen. Aber zum Thema:

Auf den ersten Blick ist dieses Album ein Chaos: Ganze 31 Minuten kurz, nur 5 eigene Stücke der Band und ein breiter Mix von Musikstilen: Vaudeville, Stadion-Rock, sogar Bar-Jazz wird geboten.

Die Band zeigt ihre Stärken gleich im Opener, “Where Have All The Good Times Gone”, einem Ray Davies Cover: Kompakter Sound, brutal präzise Rhythmusarbeit, witziger Gesang im “Punk-Unisono” Stil und eine Gitarre vor dem Herren. Nach einer Speed-Rock Nummer “Hang ’em High”, einem brillianten, musikalisch wie technisch beeindruckenden Solo “Cathedral” Van Halen’s, an dem Johann Sebastian Bach seine Freude gehabt hätte, kommt dann ein weiteres Highlight: “Secrets” ist ein Song mit pulsierenden Bässen, treibenden Drums und leisen feinen Power-Akkorden und klingt wie “Police” auf Hochglanz. Nach “Intruder”, einer genialischen Feedback-/Geräusch-Orgie kommt dann mit direkter Überleitung “Pretty Woman” von Roy Orbison in der Version, die wir immer hören wollten: Ganz kompakt, mit großartigen rhythmischen Verschiebungen. Bei “Dancin In The Street” wird (anders als in der sehr konventionellen Version von Jagger und Bowie) der gesamte Song von einem durch Delay wiederholten Gitarrenfigur zusammen gehalten – interessant.

Mit “Little Guitars”, eingeleitet durch ein etwas bemüht virtuoses Solo auf der Konzertgitarre, werden New-Wave Anleihen durch den Hardrock-Wolf gedreht. “Big Bad Bill..”, ist reiner Vaudeville-Jazz – ein packender Song von Bix Beiderbecke, entdeckt wahrscheinlich von dem kurz vorher erschienenen Album “Jazz” des großen Ry Cooder. Da beschränkt sich Eddie Van Halen ganz darauf, eine absolut bediente Rhythmusgitarre zu schlagen, so präzise und groovend wie ein 60jähriger Zigeunerjazzer. Und nicht ein einziges Gitarrensolo hier! Eine kleine Referenz an Cooder, dessen Gitarrenarbeit und Soli auf dem Original einfach überragend sind. David Lee Roth zeigt hier bereits, dass Vaudeville-Jazz sein Fach ist. “Happy Bug” ist ein VHtypischen Kracher. Klingt wie Allman-Brothers auf Speed. Und das Album schließt mit einer witzigen, gelungenen kleinen Acapella-Nummer im Barbershop-Stil. Van Halen ist eben auch eine absolut amerikanische Band und da gehört Barbershop auch mal dazu.

Van Halen wollten mit diesem Album ganz offensichtlich Experimente wagen Richtung Pop und Jazz und leiten damit über zu dem überragenden Album “1984”. Gelungen! Wenn musikalisches Ausprobieren so gekonnt und interessant daher kommt, bin ich gerne dabei.

Mavis Staples und Ry Cooder – hier fehlt der Groove

Spiritualität und melancholischer Gospel – Civil Rights und Kirche,

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Rating: ★★★★☆
Wenn Gesang etwas mit Seele und Herz zu tun hat, dann ist die fast 70jährige Mavis Staples der Beweis: Traditionals wie die wunderbar kraft- und hoffnungsvoll interpretierten “We Shall Not Be Moved” oder “Eyes On The Prize” atmet sie förmlich aus und legt eine Kraft in ihren Gesang, die bei modernen Sängerinnen nur selten zu finden ist. Mit ihrer tiefen, manchmal richtig raunenden und röhrenden Stimme und unterstützt von großartigen Chören (Ladysmith Black Mambazo und Freedom Singers) interpretiert sie traditionelles Liedgut mit einer emotionalen Tiefe, dass dem Zuhörer buchstäblich die Tränen kommen. Sie erinnert in ihren kurzen eigenen Zeilen daran, was die Bürgerrechtsbewegung erreicht hat (und was nicht) – “In My Eyes”.

War das 2004 erschienene Album “Have A Little Faith” von Staples eine Art Comeback und Meilenstein mit seinen luftigen Arrangements und seinem rockigen Soul-Feeling, so werden diesmal noch erdigere Töne angeschlagen.

Die von Ry Cooder mit Drummer Jim Keltner und seinem Sohn Joachim produzierte Begleitung wird jedoch der Tiefe und Phrasierungskunst von Staples nicht immer gerecht. Drums und Percussion holpern (an Jim Keltner liegt das erfahrungsgemäß nicht), die viel zur Begleitung verwendete Slidegitarre von Cooder ist zu laut, schneidend, mittig und passt nicht immer zum jeweiligen Song. Und einer der Höhepunkte des Albums “Jesus On The Mainline” gerät trotz der fantastischen Interpretation der Sänger teilweise völlig aus den Fugen. Das Schlagwerk holpert und die Gitarre wirkt gegenüber dem lockeren und freien Rhythmus der Sänger statisch und deplaziert. Das hat Ry Cooder auf seinem Frühwerk “Paradise And Lunch” und vor allem auf seinem nicht als CD erhältlichen Live-Album von 1988 mit Willie Greene und Co. wesentlich intensiver und vor allem groovender hinbekommen. So wird leider die Intensität und Tiefe von Mavis Staples durch eine etwas holprige Produktion geschmälert. Trotzdem: Ein weiteres Ausnahmealbum der großartig singenden “Bürgerrechts-Oma”!

Mavis Staples ist eine Überraschung

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Rating: ★★★★☆

Mavis Staples hat diese extrem tiefe Altstimme, fast wie ein männlicher Bariton. Sie singt von Glaube, Hoffnung, Respekt und kann nie leugnen, dass die Staples Singers ihre Wurzeln in der Bürgerrechtsbewegung hatten. Ihre Stimme ist nicht gewaltig wie die von Aretha Franklin, sondern lebt von Ausdruck und Phrasierung. Ein bewegendes Erlebnis, diese fast 70jährige Sängerin zu hören.

Noch besser an diesem Album sind die Grooves: Fette, schwere Rhythmen, die direkt aus der Soundkiste alter Soulplatten von Stax und Motown zu kommen scheinen. Feine akustische Gitarren, grollender Bass, altmodisch funkig kracht das Fender-Rhodes und selbst Hammond-Orgel, Mundharmonika und sparsame Percussions lassen der Musik viel Raum zum Atmen und das Ganze geht richtig ab. Ein feiner, transparenter Sound krönt die wohl beste R & B Produktion der letzten Jahre.