Doris Day singt nicht ganz jugendfrei

Doris Day ist den meisten Deutschen nur bekannt aus einer Vielzahl zum Teil obskurer und teilweise sehr zeitgeistiger Filme und Komödien der 50er und 60er Jahre. Mit und ohne Rock Hudson. Mit und ohne Alfred Hitchcock, mit dem Sie (in Ihrem ersten filmischen Auslandseinsatz) den berühmten Film „Der Mann der zu viel wusste (1957)“ drehte. Dort sang sie ihren ganz großen Hit „Que sera, sera“ und dieser wurde zu ihrem musikalischen Markenzeichen. Mit dieser wie betoniert sitzenden Blondfrisur, dem freundlichen Gesicht und diesem clean look ist sie gleichermaßen Ikone der 50er Jahre und Inbegriff der sauberen amerikanischen Hausfrau – patent, freundlich und sauber. Doris Day ist aber auch die ausgefuchste Sängerin mit der nicht mehr jugendfreien Sahnestimme – technisch perfekt, in allen Stimmlagen zu Hause, ausdrucksvoll und nur scheinbar naiv macht sie aus dem banalsten Broadway-Schlager eine stimmliche Verführung des Hörers – scheinbar naiv, bezaubernd sexy und technisch unauffällig brillant. Eine Jazz- und Popsängerin, von deren schöner Stimme und brillanter Interpretation der Hörer heute noch verzaubert sein kann.

Was kaum jemand weiß: Die Filmkarriere war (nach einer kurzen, durch Autounfall im Teenageralter vorzeitig beendeten Tanzkarriere) bereits die zweite Karriere der DD. Zuvor war sie, die 1924 Geborene, bereits die berühmteste und am meisten verkaufte amerikanische Sängerin der Nachkriegszeit. Und eine technisch wie künstlerisch beeindruckende Sängerin, die vor allem mit Jazzcombos und Big-Bands seit ihrem ersten Hit „Sentimental Journey (1944)“ einen Erfolg nach dem anderen feierte. Bei einer Sängerin, die im Laufe ihrer Karriere nicht nur fast 40 Filme drehte, sondern auch eine fast nicht mehr zählbare Fülle von Aufnahmen, Soundtracks und Alben veröffentlichte, fällt der Einstieg schwer. Und darum ist der Sampler

ein perfekter Einstieg in das Werk dieser famosen Sängerin. Unter dem Titel „Golden Girl“ fassen die 2 CDs alle wichtigen Titel Day’s der Jahre von 1944 bis 1966 zusammen. Es findet sich auch unveröffentlichtes Material, die Soundqualität ist (dank meist studiotechnisch guter Aufnahmen und Remastering) bis auf die bescheidene Räumlichkeit gut. Und Day zeigt mit jedem Titel, was sie kann: Koloraturen, sanftes Vibrato, überraschende und dramatische Lagenwechsel, cooler Sprechgesang und immer wieder dieses mädchenhaft-naive Raunen, das so intim und sexy gesungen ist wie ein Gute-Nacht Lied nur für Erwachsene. Und nur selten bemerkt der Hörer, wie gekonnt hier Gesang gemacht wird. Es kommt so lässig und selbstverständlich wie das Rückwärts-Tanzen der Zeitgenossin Ginger Rodgers auf Stöckelschuhen – schön und perfekt, aber dem damaligen Zeitgeist entsprechend darf einer Frau das Können und die Perfektion niemand anmerken.

Was hier noch zu hören ist: Die Big-Bands und Jazz-Combos der damaligen Zeit hatten eine handwerkliche Qualität, die immer wieder überzeugt. Da bleibt nur: Hören!

Rating: ★★★★★ DR = 12

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