Larry Flynt & Miloš Forman

Larry Flynt  – die nackte Wahrheit (1996) *

Gestern kramte ich im Heimkino mehr zufällig diesen Film heraus

und war sehr überrascht:

Was als leicht zotige Porn-Parody mit der zuverlässig sich selbst spielenden Courtney Love als Ehefrau Flynts beginnt, steigert sich unter der gekonnten Regie von Miloš Forman zu einer packenden Charakterstudie. Und wird am Ende (in einer wirklich genialen Gerichtsszene) zum besten „Court-Film“, den ich seit Jahren gesehen habe.

Mit (wie immer bei Forman, mit dem ich gern einmal seine Plattensammlung durchgehen würde) fantastischer Musik, die auf höchstem Niveau unauffällig filmdienlich eingesetzt wird. Wie beispielsweise bei der baptistischen Taufe Flynts, die von einem geradezu messerscharf singenden Gospel-Chor musikalisch begleitet wird; Turbo-Gospel mit grandioser Perfektion und genauso künstlich wie die Zeremonie selbst. Verhandelt werden hier nicht nur die seltsamen Anekdoten aus der umfangreichen Prozessgeschichte Flynts. Die sind für Forman (bei aller Genauigkeit, man vergleiche nur die Originalaufnahmen im Trailer mit den entsprechenden Filmszenen) nur Material. Nein, Forman befasst sich hier mit den großen Themen wie Meinungsfreiheit, Anderssein, institutionelle Heuchelei und persönliche Freiheit. Und auch den wilden 70er sowie anschließend die kalten und grausamen 80er Jahren. Und gibt mit der letzten Einstellung zu erkennen, dass die auch geschmacklose oder boshafte öffentliche Auseinandersetzung ein hohes Gut ist, das zu bewahren lohnt. Denn der wirkliche Bösewicht ist der heuchlerische Anwalt Charles Keating (gespielt vom für solche Rollen quasi geborenen James Cromwell), der später als Banker im Savings & Loans Skandal unvorstellbare 500 Milliarden Dollar Pensionsgelder vernichtete. Da lässt Forman mit seiner letzten Einstellung keinen Zweifel und das passt (immer wieder und gerade jetzt, wo ganz Deutschland über die möglichen Steuerstraftaten des Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß diskutiert).

Jedes Detail dieses Films ist beeindruckend. Allein die perfektionistische Ausstattung (wie beispielsweise das während der christlichen Phase in Flynts Konferenzsaal angebrachte orange und riesige Kreuz aus Plastik) und die wahnsinnigen Kostüme sind den Film schon wert. Woody Harrelson spielt den fiebrigen Pornographen vor dem fiesen Attentatsversuch genauso viril und charismatisch wie später den durch Querschnittslähmung, Rollstuhl und Nervenverödung gezeichneten Querkopf. Harrelsons Bruder spielt seinen Bruder (und wirkt durch die äußerliche Ähnlichkeit und offenkundige Vertrautheit sehr authentisch). Jede Nebenrolle ist grandios besetzt. Und der selbst ernannte König der amerikanischen Pornographie Flynt – ein Mann, der sich jede Mühe gibt, nicht sympathisch zu wirken – bekommt eine Huldigung seiner rechtsgeschichtlichen Leistung und seiner schrillen Biographie, mit der er so sicherlich nicht gerechnet hätte. Wie schon der etwa 10 Jahre früher entstandene Film Amadeus Formans ist dies eine einmalige Kombination von Bio-Pic, Oper, Drama und Plädoyer für individuelle Freiheit. Ganz großes Kino!

Rating: ★★★★★

 

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