Willie Nelson kann Cover – Across The Borderline (1993)

Willie Nelson macht auch hier sein eigenes Ding. Und puhlt dabei oft den Kern der Musik meisterhaft heraus. Bestes Beispiel bei der dieser von Anfang bis Ende lohnenden Zusammenstellung von Coverversionen bekannter Songs aus den 80ern und einigen eigenen Liedern ist bereits der Opener „American Tune“ von Paul Simon, der auch die Gitarrenbegleitung mit ihren vertrackten Modulationen spielt. Wie Nelson aus diesem exzellenten, aber im Original leider etwas sehr glatten Song ein nachdenkliches, bitteres Stück Musik macht mit Untertönen von Ärger und Zorn – das ist einmalig. Nur durch einige abrupte Temposchwankungen und etwas mehr „Feel“ im Gesang bekommt die gute Vorlage eine neue Dimension und eine interessante Note.

So ähnlich geht das auch bei vielen anderen Titeln. Die intergalaktische Ballade „Don’t Give Up“ von Peter Gabriel wird durch die verhaltene sparsame Begleitung ohne Weiterlesen

The Persuasions – Street Corner Symphony (1972)

Ein sagenhaftes, ein klassisches Acappella-Album:

Die Persuasions zelebrieren auf diesem 40 Jahre alten Album Acappella und wahren dabei ihren an Gospel und klassischem Soul orientierten Gesangsstil. Nicht der rasante stimmliche Overkill nach Art von Take 6 ist hier Maßstab, sondern die atmende, schlüssige Interpretation. Die ergreifende Interpretation des „Buffalo Soldier“, das humorvoll-erdige „The Man In Me“ und auch das abschließende Medley strahlen viel Ruhe und Souveränität aus. Und (die zum Teil heute noch singenden Bandmitglieder waren damals auf der Höhe ihrer stimmlichen Möglichkeiten) es klingt einfach wunderbar – hervorragende Interpretationen von wunderbaren Sängern, die sich und dem Zuhörer nichts beweisen Weiterlesen

Season of the witch

…. ist eigentlich vom Folk-Barden Donovan, dessen Version mich nie überzeugt hat. Aber so richtig beißend wird es erst hier. Brian Auger, Julie Driscoll und die Band 1968 auf ihrem wundervollen Album „Streetnoise„.

Heute ist eigentlich Halloween und ich hoffe, dass keine verkleideten Kinder in Begleitung ihrer protektiven Eltern klingeln und „Süßes oder Saures“ rufen. Stattdessen: Adult Entertainment, etwas böse und bissig bitte!

Countrysong rückwärts

Gestern im Admiralspalast lieferte Emmylou Harris mit Rodney Crowell und ihrer Band einen soliden Gig vor einem begeisterten Publikum ab. Gespielt wurden nach der Pause überwiegend Titel vom neuen Album der beiden, die sich seit 40 Jahren kennen.

Und doch musste ich hinterher immer an den Witz von Richard Belzer denken, der den Detective John Munch in der Fernsehserie Homicide spielte; frei übersetzt geht das so:

Weißt Du was passiert, wenn man einen Countrysong rückwärts abspielt?

Zuerst kommt der Hund zurück, dann kommt der Job zurück und zuletzt kommt die Frau zurück.

Es ist das Problem mit diesem doch sehr konservativen Genre. Die Themen sind beschränkt und es läuft vielfach genau so ab, wie der charismatische und obercoole Texaner Rodney Crowell nach mehreren solcher Songs lakonisch meinte:

And now another heartache-song. Emmy, i think we are doing entertainment by heartache here, right?

Eine großartige Band begleitet ein extrem professionelles Konzert (das übrigens auf die Minute pünktlich beginnt und ebenso exakt nach einer Stunde in die Pause geht), bei dessen Songmaterial allerdings der gemeine Witz von Richard Belzer durchaus zutreffend ist. Und als Harris unmittelbar nach der Pause solo zur eigenen Gitarre ein eigenes Lied singt, mit dem der Tod ihrer Freundin Kate McGarrigle beklagt wird, hätte allerdings auch der Zyniker John Munch die Luft angehalten. Harris ist eine der beeindruckendsten Sängerinnen der Gegenwart und braucht vielleicht nur noch Songmaterial, wo der Hund fortläuft, die Kinder rebellieren, der Sekt zu gut schmeckt und die Krankenversicherung nicht zahlt. Einfach wegen der Abwechslung.

Weltlicher Gospel ohne Kirchenschmus

Patty Griffin – Downtown Church (2010) *

Eindrucksvoll: Patty Griffin versucht sich an (neben zwei eigenen Kompositionen) Gospel – man könnte auch sagen, dies ist ein Album mit spiritueller Musik ohne Kirche. Bereits im Opener „House Of Gold“ (Hank Williams) beeindruckt Griffin mit schwerem und atmenden Gesang zu einem tiefen, aber nicht unbedingt kirchlichen Text:

„People steal, they cheat and lie
For wealth and what it will buy
Don’t they know on the judgement day
That their gold and silver will melt away“

Wahre Worte, eindrucksvoll gesungen. Selbst ein Traditional wie „Wade in the water“ gelingt – es klingt immer intensiv und einmalig originell. Patty Griffins Stimme ist dunkler geworden über die Jahre, weniger schneidend und es fehlen meist die grellen Töne, welche auf ihren frühen Alben Gänsehaut und manchmal auch Entsetzen hervorriefen. „I smell a rat“ von Leiber/Stoller rockt Griffin so rotzig und gnadenlos, wie sie anschließend in „Waiting for my child“ nur zu einer leisen Orgel wie die Soul-Croonerin persönlich schmachtet. Viele Höhepunkte, eindrucksvolle Interpretationen und ein großartiger Sound. Das Album erinnert mich mit den enormen stimmlichen Möglichkeiten der Sängerin und der introspektiven Songauswahl an das großartige Album der großen Mavis Staples.

Das Album wurde in einer (Holz-?)kirche in Nashville aufgenommen und klingt mit seiner spärlichen Instrumentierung und seiner machtvollen Frontfrau eindrucksvoll gut. Wer Soul, Country, Gospel und guten Gesang mag, ist hier allemal richtig. Eines der reifsten Alben der begabten Frau Griffin. Durch die konsequente Songauswahl und die entschlossenen Interpretationen merkt man kaum, dass es ein Coveralbum ist.

Térez Montcalm – Connection (2009)

Die Sängerin mit der kratzigen Stimme kann Cover

Térez Montcalm ist die Sängerin mit der leisen kratzigen Stimme, die beim Singen gar viel Geräusche (Gurren, Knurren, Juchzen …) macht und (finde ich) recht gut Gitarre spielt. Ihre große Stärke sind ganz eigentümliche und einfühlsame Interpretationen bekannter und unbekannter Songs von Anderen, die sie durch ihren interessanten Gesangstil und anspruchsvolle Interpretation spannend und neuartig zu Gehör bringt.

Auf Ihrem schon 5. Album aus dem Jahr 2009 bleibt Montcalm diesem Rezept treu. Produziert und einfühlsam begleitet von dem Gitarristen Michel Cusson und Gastmusikern (hervorzuheben der atemberaubend musikalische und wilde Jazzgeiger Jan Luc Ponty bei „Le Requien Danse“, einer Eigenkomposition Montcalms) hebt Montcalm ihre Songs stilübergreifend und sehr abwechslungsreich auf das Podest. Immer spürt sie die Besonderheit eines Liedes auf (bei dem U2-Gassenhauer „Where The Streets Have No Name“ beispielsweise das vertrackte Versmaß und den originellen Rhythmus), immer findet sie (wie bei dem Chanson „C’est Magnifique“ von Cole Porter) eine eigene Musiksprache. Porters Lied zum Beispiel wird von Montcalm gedehnt, das „LaLaLaLa“ fast absurd langsam gegurgelt; der Song hört sich auf einmal ironisch und komödiantisch an und passt. Wenn Montcalm den Gassenhauer „My Baby Just Cares“ anstimmt, dann nimmt sie zwar ein echtes Swing-Tempo (und der Song groovt auch hier wie Hölle). Aber sie zerkaut und raunt die schwüle Schilderung ihres Mannes so verhalten, dass es nicht nur originell, sondern auch angemessen sexy klingt wie es sich für eine richtige femme fatale gehört. Nie klingt es wie nachgesungen oder wie eine lahme Interpretation eines guten Songs. Ebenso wie ihr Album Voodoo aus dem Jahr 2006 ist dies ein ebenso musikalisches wie unterhaltsames Album einer sehr interessanten Musikerin. Unbedingt empfehlenswert.
Rating: ★★★★☆

Allison Moorer, Alabama Song (1998)

Gediegenes Debütalbum mit großartiger Saitenarbeit

Dieses Debütalbum der Schwester von Shelby Lynne hat alle Merkmale einer sehr sorgfältigen Produktion eines Major-Labels. Moorer singt, was sie damals am besten konnte, nämlich (mit wenigen Ausnahmen) langsame Balladen. Ihre warme Altstimme, die sparsame Modulation und der insgesamt eher unsentimentale Ansatz tun den recht schwerblütigen, ausnahmslos von Moorer selbst getexteten Songs gut. Manchmal wünscht man sich allerdings etwas weniger Sentiment oder auch nur eine herzhafte Uptempo-Nummer. Oder auch etwas weniger Pedal-Steel, aber was will man von einem Album aus 1998, als die Dixie Chicks mit Wide Open Spaces gerade aufbrachen und New-Country noch nicht die Fesseln des klassischen Arrangements abgestreift hatte, schon erwarten.

Was dieses Album deutlich über den Durchschnitt hebt, ist der zutiefst geschmackvolle Einsatz von Saiteninstrumenten: Produzent und Gitarrist Kenny Greenberg hatte ebenso wie Gast-Star Buddy Miller ein glückliches Händchen mit den im konventionellen Genre so wichtigen Details: Das ganze Album wird durchzogen von einer Fülle von kleinen und manchmal nur wenige Takte kurzen Licks und Übergängen auf Gitarre, Dobro, Banjo, Pedal-Steel und Strings, die jeweils für sich Oberklasse sind und gerade die getragenen Balladen weiter bringen. Wer einmal zwischen die Gesangsstrophen hört, findet ein Füllhorn von phantasievollen und superben Einsprengseln, die fast schon allein für sich Spaß machen. Und der Sound ist so transparent und natürlich, wie das bei anspruchsvolleren Country-Alben im Gegensatz zur Dutzendware üblich zu sein scheint. So ist das ein wirklich zeitloses Album, das durch seine gute Produktion nicht gealtert ist.

Klar stellar – Shelby Lynne

Dies ist ein sehr ungewöhnliches Cover- und Tribute-Album.

Wer einmal „Breakfast in Bed“ von UB40 mit Chrissy Hynde gehört hat, erkennt eine gute Band, zwei interessante Sänger und einen guten Song. Wenn Shelby Lynne diesen Song bringt, so verrucht und sexy und klagend wie die liebende und klammernde Frau nur klingen kann, wenn sie sich jeder Strophe langsam und fast genüsslich widmet, untermalt nur von sparsamer Begleitung und einem perfekten Hall, dann bekommt dieser ohnehin gute Song eine völlig neue Qualität.Der Hörer wird diese Interpretation Weiterlesen

Top Pop von der Roots-Rock Röhre Soulsister Shelby Lynne

Dies ist vermutlich das Pop-Album, welches Amy Winehouse hätte machen können, wenn sie 10 Jahre länger im Geschäft geblieben und nicht drogensüchtig so früh gestorben wäre:

Das originelle, authentische und absolut abwechslungsreiche Pop-Album mit mächtig viel Retro- und Soul Faktor, mit dem jeder Hörer glücklich werden kann. Aufgedreht und glitzernd wie im Opener „Your Lies“, dramatisch und soulig wie im 2. Titel „Leavin'“, wo Lynne aus Drumbox, Synstrings und unglaublich souligem Gesang das kleine Pop-Soul Ding macht. Schwerer StampfRockPop im 3. Titel „Life is bad“ – nicht so glatt wie Shania Twain, nicht so schlicht wie Sheryl Crow. Danach bei „Thought It Would Be Easier“ eine flüssig-sahnige TR-808 Drumbox und dezente Jazzakkorde auf der Stratocaster und dazu dieser allumfassend soulige Gesang von Lynne. Ganz tief und weich die Leadstimme wie Weiterlesen

Erfahren mit Twang und Tiefe

Der Titel „Identity Crisis“ des immerhin 7. Albums von Shelby Lynne

ist wohl ironisch gemeint: Nichts zu hören ist hier von den vorher teilweise qualvollen musikalischen Selbstfindungsversuchen dieser wirklich ausgefuchsten Musikerin, die mit 21 ihre erste Platte produzierte und kurz zuvor für ihr 6. Album (!) mit dem Grammy als „Best New Artist“ ausgezeichnet wurde. Lynne ist eklektizistisch im besten Sinne und bringt auf diesem Album -aufgenommen mit wenigen Musikern und wesentlich Weiterlesen

Doris Day & The Horn

Wie überragend gut die Unterhaltungsmusiker der 50er Jahre waren, kann man in diesem 1954 enstandenen Album bewundern:

Doris Day, die bekannte Filmschauspielerin und weniger bekannte Swing- und Jazzsängerin trifft auf Harry James und seine Band. James mit seinen machtvollen, kräftigen und originellen Trompetensoli doubelte musikalisch Kirk Douglas, der die Hauptrolle des jungen Trompeters in dem (nach meiner Meinung nicht sehenswerten-) gleichnamigen Film spielt. Für Day war dieser Film die erste richtige Hauptrolle und Beginn ihrer dritten (!) Karriere als Filmschauspielerin.

Doris Day singt viel besser und interessanter, als man das von ihrem Signature-Song „Que Sera“ kennt. Für meinen Geschmack so interessant und stilsicher klingend wie Ella Weiterlesen

Voodoo Child ganz neu – Coverversionen aufregend zerlegt

Teréz Montcalm ist wie die ähnlich im Grenzbereich  zwischen Jazz, Soul, Pop und Irgendwas vagabundierende Holly Cole Francokanadierin. Und eine Könnerin im Interpretieren und Zerlegen fremder Musik.

Seit Rickie Lee Jones, deren Coverversionen bekannter und unbekannter Songs für mich wegen der Ausdrucksstärke immer die Messlatte bleiben, habe ich keine Sängerin mehr gehört, die sich mit so viel Gestaltungswillen und so viel sängerischem Charme über Musik Anderer hermacht. Wie Montcalm nicht nur „Sweet Dreams“ der Eurythmics, sondern auch „Voodoo Child“ von Hendrix oder bei dem z.B. bei James Taylor furchtbar glatt und fast belanglos klingenden Standard „How Sweet it is“ ihre Stücke zerlegt, zerknurrt, raunt, winselt und doch immer eine schlüssige Interpretation abliefert – das ist wirklich einzigartig. Holly Cole, eine andere Francokanadierin im selben Fach, hat sich Weiterlesen

Buddy Miller & Band Of Joy

Gestern habe ich auf zdf.kultur Robert Plant mit seiner „Band Of Joy“ gesehen und gehört. Sie stellten bei TheArtistsDen ihr Album von 2010

vor. Das Album ist wirklich gut und hörenswert. Aber es ist von so miserabler Soundqualität, so matschig und ohne jede Dynamik (DR = Dynamic Range 7)  aufgenommen, dass ich es sicherlich nicht häufiger als zwei mal von Konserve hören werde. Robert Plant muss einen massiven Gehörschaden haben oder ich bin von besseren Aufnahmen verwöhnt. Auch sein letztes Album, das (was Musik, Gesang und Interpretation angeht) wunderbare Raising Sand war dumpf und matschig aufgenommen und im Vergleich etwa zu den Produktionen von Daniel Lanois nur mit Dröhnung zu ertragen. Vielleicht gibt Robert Plant ja endlich mal die Verantwortung für Sound und Aufnahme an einen fähigeren Produzenten ab.

Ganz anders der Live-Auftritt: Man mag Robert Plants exaltierte Handgymnastik rund um das Mikrofon finden, wie man will – der Mann ist ein Weiterlesen

Norah Jones – mit Anderen besser

Eine Zusammenstellung nur mit Kollaborationen von Norah Jones

Rating: ★★☆☆☆

ist keine schlechte Idee. Denn wer Norah Jones und ihre Plattenkarriere verfolgt hat, weiß um den seichten Kommerz, welcher ihren eigenen Alben anhaftet. Da wird gesoftet und geschliffen, bis es ganz einfach und so aufregend ist wie Nutella mit Weißbrot. Was mir spätestens seit dem wunderbaren „Creeping In“, einem rasenden heiteren Duett mit Dolly Parton auf Jones‘ zweitem Album „Feels Like Home“ (für mich der beste Titel auf diesem Album) klar wurde: Die Jones braucht andere, selbstbewusste Musiker, um sich mit ihren unbestreitbaren Fähigkeiten, ihrer markanten Stimme und dem eigenwilligen Piano entfalten zu können. Damit es nicht seicht wird. Wie Parton am Ende dieser wirklich atemberaubenden und live eingespielten Uptempo-Nummer kichert – so entspannt und eigenwillig möchte man Jones häufiger hören.

Und so zeigt diese Zusammenstellung die andere Seite der Hitparadenkünstlerin: „Ruler Of My Heart“ mit der Dirty Dozen Brass Band zum Beispiel – ein Weiterlesen

Levon Helm is dead

Levon Helm (by billboard.com)

About two weeks ago Levon Helm died. Levon was the man with that unique moving voice and the fat rock-bassdrum. He reached stardom with the band, could be heard singing 3 to 4 voice and nailing this whole hippie-company together in the legendary „The Last Waltz“ film by Martin Scorcese. Just a few solo-albums showed his gift of bringing a song across to the hearts of the listener. Even better he did in his solo album „Dirt Farmer“, where he discovered the old songs of his Arkansas home. He recorded this album after recovering from throat cancer. His studio burnt down. He had quite a load to bear in his later days.

And every time i hear this man sing, it moves me back and forth. Straight from the heart, like in his guest apearance in the great album „The Neighborhood“ by Los Lobos, where he sang „Little John Of God“. You can’t do better.

 

 

Der Zeit weit voraus mit Tiefe, Schwärze und Orgel

… war dieses Bandprojekt Brian Auger & Julie Driscoll: Streetnoise (1970) wie viele andere Musiker aus den Jahren 1966-1970 auch:

Eine unwiderstehliche und intensive Mischung aus (modalem!) Jazz, Soul, Blues und Avantgarde brachte Brian Auger zustande mit der unglaublich charismatischen Sängerin Julie Driscoll und anderen Musikern, die später in anderen britischen Combos berühmt wurden. Der treibende und harmonisch ausgefallene Titel „Tropic of Capricorn“, das tiefschwarze Cover „When I was a young girl“, das programmatisch schmerzhafte „Czechoslovakia“, „Light My Fire“ so abgrundtief intensiv und rabenschwarz-sexy wie kaum eine andere Version dieses vielgespielten Titels. Man mag kaum auf einzelne Titel eingehen – jede Interpretation und vor allem auch die Eigenkompositionen sind über jeden Zweifel erhaben und gehören zum Besten, was im Grenzbereich zwischen den genannten Musikstilen in den letzten 40 Jahren zu hören war. Dieses Album glüht wie ein Komet, kein Wunder, dass die Band sich kurz darauf in alle Himmelsrichtungen zerstreute.

Über die merkwürdigen Umstände der Entstehung dieses Ausnahmealbums ist bei Amazon und in den Liner-Notes schon viel geschrieben worden. Den großen Zeitdruck hört man den scheinbar oft im first take entstandenen Aufnahmen teilweise etwas an. Aber wenn Brian Auger die tiefen Register seiner Orgel dazu bringt, buchstäblich die Wände wackeln zu lassen. Wenn Julie Driscoll raunt und ihre Stimme in die tiefsten Lagen zwingt, wenn Drummer Clive Thacker ebenso kraftvoll wie präzise den Grenzbereich zwischen Hardrock (entstand mit Jeff Beck’s Formation etwa zeitgleich) und Jazz auslotet. Das klingt unfassbar modern, absolut zeitlos und ist übrigens auch (play it loud) sehr gut und durchsichtig aufgenommen. DR = 8 (was man beim Hören nicht glauben mag – so laut und leise wie das Album wirkt).

Ein Album für alle, die sich nicht vor intensiver Musik fürchten und wissen wollen, wie weit die moderne Musik schon 1970 war. Und die auch komplexe Harmonien oder heftige Interpretationen vertragen.

Rating: ★★★★★

The Well (and what's behind)

Jennifer Warnes (mit Jackson Browne); www.jenniferwarnes.com

Manchmal fragt man sich schon, wie das kommt. Eine der gefragtesten Session-Sängerinnen der Welt, mehrfach mit Grammys und Oscars ausgezeichnet, macht nach fast 10 Jahren mal wieder ein eigenes Album und nennt das „The Well“ – wie wir aus diesem Artikel erfahren, aus gutem Grund.

Jennifer Warnes hatte tiefe persönliche Bindungen nach Austin/Texas. Sie fand dort (Jahre nachdem sie wieder nach Los Angeles zurück gezogen war) zu Doyle Bramhall, einer lokalen Musikerlegende, einem langjährigen Freund und Songschreiber der anderen texanischen Legende Stevie Ray Vaughn. Und nachdem sie festgestellt hatten, dass ihre Stimmen zu unterschiedlich sind (Warnes raucht und trinkt nicht, dafür aber Bramhall):

Her voice shimmered with sunlight, and he was all about barlight. „Yet we liked each other,“ says Warnes, „because he had what I could never have and I had what he could never have.“

entstand ein gemeinsames Projekt: Man traf sich am „Jacob’s Well“ einem größeren Quellsee bei Austin und beschloss, die Talente zusammen zu werfen. Und heraus kam (nach Lösung von einem lästig gewordenen Plattenvertrag) das großartige Album

Rating: ★★★★☆ DR = 11

dessen Höhepunkte der Titelsong von Warnes/Bramhall sowie das ergreifende Duett „You Don’t Know Me“ mit Doyle Bramhall sind. Aus dem schlichten Kalkül „Engelsstimme vs. Bar-Voice“ wird hier großes Ohrenkino. Und weil dieses Album auch sonst einige Überraschungen bietet (zum Beispiel ein wild arrangiertes Protestlied von und mit Arlo Guthrie), lohnt sich der Kauf als remastered 24 k Gold-Edition (erhältlich bei verschiedenen deutschen Spezialversandhäusern für ca. 35 EUR). Denn eine audiophile Perle ist dieses Album von Warnes ohnehin.

Doris Day singt nicht ganz jugendfrei

Doris Day ist den meisten Deutschen nur bekannt aus einer Vielzahl zum Teil obskurer und teilweise sehr zeitgeistiger Filme und Komödien der 50er und 60er Jahre. Mit und ohne Rock Hudson. Mit und ohne Alfred Hitchcock, mit dem Sie (in Ihrem ersten filmischen Auslandseinsatz) den berühmten Film „Der Mann der zu viel wusste (1957)“ drehte. Dort sang sie ihren ganz großen Hit „Que sera, sera“ und dieser wurde zu ihrem musikalischen Markenzeichen. Mit dieser wie betoniert sitzenden Blondfrisur, dem freundlichen Gesicht und diesem clean look ist sie gleichermaßen Ikone der 50er Jahre und Inbegriff der sauberen amerikanischen Hausfrau – patent, freundlich und sauber. Doris Day ist aber auch die ausgefuchste Sängerin mit der nicht mehr jugendfreien Sahnestimme – technisch perfekt, in allen Stimmlagen zu Hause, ausdrucksvoll und nur scheinbar naiv macht sie aus dem banalsten Broadway-Schlager eine stimmliche Verführung des Hörers – scheinbar naiv, bezaubernd sexy und technisch unauffällig brillant. Eine Jazz- und Popsängerin, von deren schöner Stimme und brillanter Interpretation der Hörer heute noch verzaubert sein kann.

Was kaum jemand weiß: Die Filmkarriere war (nach einer kurzen, durch Autounfall im Teenageralter vorzeitig beendeten Tanzkarriere) bereits die zweite Karriere der DD. Zuvor war sie, die 1924 Geborene, bereits die berühmteste und am meisten verkaufte amerikanische Sängerin der Nachkriegszeit. Und eine technisch wie künstlerisch beeindruckende Sängerin, die vor allem mit Jazzcombos und Big-Bands seit ihrem ersten Hit Weiterlesen

A Word About Jennifer Warnes

Nachdem ich gestern und heute zum wiederholten Male über das Album von Jennifer Warnes gestolpert bin – und wieder fasziniert, kam das Deja Vu: Mein bescheidenes Ich hatte bereits vor etwa 6 Monaten mal was Treffendes über diese Sängerin und deren wunderbare Stimme gesagt.

Da bleibt nur noch: Hören!

Half the Perfect World

… ist der Titel des immerhin 4. Albums von Madeleine Peyroux. Und wie die Sängerin auf dem Cover (Blick in die Ferne, die klassische Pose der Melancholie) erscheinen auch die Titel. Meist langsam, immer leise und bis auf eine fette Orgel akustisch begleitet singt Peyroux Material von Leonard Cohen (einem anderen Experten für Melancholie), Chaplin und das wunderbare „River“ von Joni Mitchell zusammen mit K.D. Lang in einer Version, die so langsam, so verträumt wirkt wie ein ganz langsamer blauer Alptraum.

Man mag das langweilig oder zu verhalten finden. Ich jedenfalls bewundere den Weiterlesen

Norah Jones & Bonnie Raitt – Tennessee Waltz

Norah Jones ist eigen: Multiple Grammy-Gewinnerin, Millionen verkaufte Platten und <hmmm….> ihre eigenen Alben für mich immer etwas sehr kommerziell. Aber ich habe Jones noch nie schlecht auf der Bühne oder in einem Duett gehört. Ob mit der Dirty Dozen Brass Band (Medicated Magic – Ruler Of My Heart), mit Bonnie Raitt auf deren Live-Album (I Don’t Want Anything Change) oder nur mit ihrer eigenen Band: Jones ist immer bei sich, ziemlich sexy und sehr eigen.

Weiß nicht, warum: Die Stimme? Dieses gemütlich schunkelnde Wurlitzer-Piano? Oder einfach nur der fehlende Schmusefaktor der eigenen Alben. Selbst mit Dolly Parton und dem Titel „Creepin‘ In“ wurde es toll. Genug geredet, mit Bonnie Rait (in Atlantic City) war es ganz gut:

Man könnte auch sagen: Jones lohnt live immer.

The Roches still sing

Die Roches sind drei Schwestern, die zusammen schrägen und himmlisch schönen Folk singen (auch Weihnachtslieder und Allerlei). Sie kamen aus meinem musikalischen Langzeitgedächtnis hervor, weil gestern am Ostersamstag eine größere (nicht katholische-) Tischrunde einen Auftakt für ein Osteressen suchte. Hallelujah von Händel ist zwar keine Eigenkomposition der drei Schwestern aus New York, aber dafür eine richtig gelungene Coverversion. Für Euch habe ich aber den Hammond Song ausgesucht – vergehend im Abschied und auch sehr schön gecovert von Terry Hall und seiner damaligen Band Colourfield.

Honest Work (Todd Rundgren, Acapella 1985)

Ein Weihnachtslied der anderen Art. Todd Rundgren brachte mit Acapella (1985) ein bizarres, faszinierendes Album heraus. Acapella – nur mit der eigenen Stimme und Tonnen elektronischer Effekte. Brilliante Arrangements, Songs wie ein Kaleidoskop von Pop und Gospel, abwechslungsreich, rau und direkt wie kein anderes Album dieser Art. Was soll ich sagen, lest den Review oder hört Euch das Album an, auf dem auch solche Perlen wie „Pretending To Care“ enthalten sind.

Und ganz am Ende dieses Albums kommt mit „Honest Work“ ein kleines Lied über (keine) Arbeit und Hoffnungslosigkeit – dreistimmig, einfach und anrührend. Dieses war mein Weihnachtslied 2009 – live unter dem Weihnachtsbaum. Hier ausnahmsweise mal in zwei Versionen. Die erste ist authentisch – der Meister selbst live bei der Tour nach Erscheinen des Albums:

Die zweite Version ist die Studiofassung mit dem Plattencover:

Listen to the words.

Good Morning, Trio (Emmylou Harris, Linda Ronstadt, Dolly Parton)

Das Projekt Trio der drei großen Damen des Country war ebenso außergewöhnlich wie einmalig. Drei doch sehr unterschiedliche Künstlerinnen tun sich zu einem akustisch begleiteten Gesangstrio zusammen, bei dem jede Künstlerin Songmaterial und Lead-Stimme beisteuert. Das ganz begleitet von den besten akustischen Musikern der damaligen Zeit. Durch die wirklich sehr unterschiedlichen Stimmen der Drei und auch das sehr breit gefächerte Songmaterial entstand daraus mit dem Album Trio
eins der besten Country-Alben aller Zeiten. Zeitlos, modern und mit Interpretationen, die jede für sich so gekonnt, einfühlsam und angemessen daher kommen wie ein kleine schöne Perlen.

Das Nachfolgealbum Trio II war dann nicht mehr ganz so überragend in meinen Augen, obwohl die Damen weiterhin nichts von Ihren überragenden Fähigkeiten eingebüßt hatten.

Sehr schön zu sehen auf diesem uralten Video – die immer wieder überragende Linda Ronstadt singt die Wolken herunter und wird dabei begleitet von einer sehr reserviert-vollbusigen Dolly Parton, einer geradzu ergriffen sich zurückhaltenden Emmylou Harris und im Hintergrund schwingt Sam Bush die Mandoline zusammen mit einigen dezenten Herren, die gekonnt die Saiteninstrumente bedienen.

Ist doch ergreifend, oder?

Levon Helm groovt zwei Mal auf einem australischen Doppelpack


Dies ist eine CD mit zwei (!) Alben von Levon Helm. Levon Helm, das ist der Drummer von „The Band“. Der Mann mit der schönen Stimme und der fetten Bassdrum. Der in 2008 mit „Dirt Farmer“ eines der schönsten Americana-Alben heraus brachte, nachdem er an Kehlkopfkrebs fast gestorben wäre.

In den 80ern war Levon Helm ein Superstar. Und konnte die besten Musiker (Dr. John, Paul Butterfield, Donald „Duck“ Dunn) für sein erstes Soloalbum „..& the RCO Allstars“ in’s Studio holen. Das groovt wie die Sau (kein Wunder bei DER Besetzung) und schiebt mit wilden Triolen durch die Südstaaten-Ecke der amerikanischen Musik – Dr. John sorgt für Gesang und wildes Klavier und Paul Butterfield spielt so schön seine Harmonika, dass es zum Heulen ist. Ein gutes, ein fast perfektes Album, aber Helm kommt darin nicht so vor. Und es fehlt etwas die Seele.

Ganz anders dagegen im 2. Album „American Son“ von 1980: Eingespielt mit einer Truppe erlesener Country-Mucker aus Nashville kommt zum (entspannteren-) Groove hier die Seele dazu. Großartige Harmoniegesänge, Levon Helm singt wie der junge Gott (er hat keine wirklich schöne Stimme, zieht aber jeden Zuhörer durch seinen Ausdruck in den Bann). Zwei Mal Georgia („Watermelon Time“ und „Sweet Peach..“) markieren den unglaublich entspannten Groove. Dazwischen mördermäßiger Gesang („Violet Eyes“ und „China Girl“) und kein einziger Füller. Der Groove dieses Albums und der beseelte Gesang lassen einen keine Sekunde los. Wohl das beste Album von Levon Helm neben seinen vielen Studio- und Bandjobs.

Diesen „Doppelpack“ (zwei Alben auf einer CD) gibt es nur in Australien und nur von wenigen Anbietern. Ein absolutes Muss für Freunde entspannter Rock- und Countrymusik mit gutem Gesang. Der Anbieter lieferte bei mir übrigens in weniger als einer Woche, was ich genauso unglaublich finde wie diese beiden Alben.

Retro-Soul-Rock vom Meister der Latino-Ballade


Rating: ★★★★½
Willy DeVille hatte sich seit dem Debütalbum seiner Band Mink DeVille als der ultimative King der Ballade etabliert. Romantischer, männlicher, verletzter und theatralischer klang davor und danach kaum ein anderer. Nach den ersten drei Alben wechselte die Band zum Label Atlantic, bekam mit Jack Nitzsche einen erfahrenen Produzenten und heraus kam:

Eine härtere Gangart. Saxophone und eine sehr präzise rockende Band untermalen DeVille als romantischen Rocker. Keyboards und Akkordeon umrahmen den energetischen Gesang DeVilles. Schwere Drums und altmodisch zerrende Gitarren, auch Marimbas sorgen für bodenständigen Groove.

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Mink DeVille – immer wieder originell

Auf diesen gelungenen Sampler von Mink DeVille wurde ich aufmerksam durch einen allerdings nicht ganz so tollen Live-Mitschnitt von Willy DeVille (Berlin 2002). Willy hat eine unverwechselbare (Raucher-)stimme, die immer zwischen arrogantem New-Yorker (Lou Reed lässt grüßen) und romantischem Latino Romantico pendelt – und das hat viel Klasse. Dieser raue Gesang rettet die oft doch sehr sentimentalen Songs vor dem Abgrund des Schmalzes. Faszinierend, wie er ganz elegant und unauffällig lateinamerikanische Rhythmen (viel Rumba, Cha Cha Cha, Bossa) mit klassischem Soul und Rhythm-Soul mischt. „Mixed Up, Shook Up Girl“, „Spanish Stroll“, „Cadillac Walk“ – Songs für die Ewigkeit. Die ersten drei Alben der Band sind hier gut zusammengefasst.

Was hier fehlt, sind die großartigen Songs von DeVille’s drittem Album „Coup de Grace“. Der Wechsel zum Label Atlantic ist daran schuld. Und zu entdecken sind auch immer wieder die tollen Coverversionen von DeVille: „Hey Joe“ zum Beispiel war für mich die oberamtliche Version dieses Klassikers.
Rating: ★★★½☆

Cowboy Junkies – The Trinity Sessions

Velvet Under Ground in der Kirche – Trance-Folk mit Sound und Charme
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Die kanadischen Cowboy Junkies verfolgten mit diesem radikalen Sound (eine Band, eine Kirche, ein Take) und der faszinierenden, immer etwas gelangweilt klingenden Stimme der Sängerin Margo Timmins ein radikales Konzept: Eigene und fremde Kompositionen in Zeitlupe, mit ganz einfachen Arrangements und viel natürlichem Hall. Und das 1987, als die Synthis und Sampler um die Wette knallten.

Das klingt faszinierend nach den frühen Velvet Underground und deren Album „VU“, ohne desse radikale Härte und Schärfe. Manchmal klingt es aber auch etwas schlafmützig. Sehr eigene interessante Interpretationen von Traditionals (der gänsehauterzeugende Opener), Elvis „Blue Moon“ eigenwillig in Slowest-Motion, Hank Williams „I’m So Lonesome“ ohne künstlichen Schmalz und Lou Reed „Sweet Jane“ ohne dessen Arroganz – große Klasse.

Und dieser Sound ist einmalig: Natürlich der Hall, leise die Instrumente deutlich der Raum und faszinierend rauchig die Stimme – ich liebe solche Aufnahmen ohne Schmu und Effektgeräte. Die durchaus hörbaren Längen einiger Stücke verhindern den 5. Stern nur knapp.
Rating: ★★★★☆

Angelika Winkler singt in der Kulturbrauerei

Die Schauspielerin Angelika Winkler ist den meisten Menschen aus Ihrer beklemmenden Darstellung gebrochener Frauen bekannt („Edith’s Tagebuch“). Umso erstaunlicher, die Schauspielerin als Sängerin mit einem Programm von wenigen Gedichten und vielen Chansons im Theater Ramba Zamba zu hören.

Hoch konzentriert und begleitet von Klavier und Geige (Daniel Heinzmann, Dragan Radosavieviech) setzt die Schauspielerin mit wenigen Gesten den Rahmen für sehr anspruchsvoll arrangierte- (und schwer zu singende) Chansons. Erstaunlich, was gute Schauspieler auch im Fach Gesang so „drauf haben“. Das Publikum ist fasziniert und die junge behinderte Mitspielerin lockert wunderbar naiv das doch etwas schwerblütige Programm etwas auf. – Sehenswert, hörenswert! Rating: ★★★½☆

Frauenpower pur – Motown von Patti Labelle und Laura Nyro


Rating: ★★★★½

Dieses Album beginnt mit einem der ungewöhnlichsten Vokalarrangements: „I Met Him On Sunday“ ein alter Motown-Hit der Shirelles, wird von 4 sehr unterschiedlichen, sehr kraftvollen Frauenstimmen gesungen wie von einer Doowop-Gruppe – jede Frau singt eine Zeile. Eine rhythmisch präzise Begleitgruppe füllt den Sound etwas auf – die Fröhlichkeit und musikalische Begeisterung der Sängerinnen springen sofort auf jeden Hörer über.

Die aufstrebende Singer/Songwriterin Laura Nyro, später bekannt geworden mit ihren sehr experimentellen Alben und Labelle, eine zu diesem Zeitpunkt schon eher stagnierende Gesangsgruppe um Patti Labelle und Nona Hendryx fanden sich 1971 unter etwas merkwürdigen Umständen zu dieser Produktion zusammen. Tagelang saßen die vier Frauen im Studio und probten, ohne eine Note aufzunehmen. Erst kurz vor Ultimo, quasi „One-Take“ entstand dieses ungewöhnliche Album. Die Frische des Gesangs, die zupackenden Arrangements, die hörbare Heiterkeit der Musikerinnen und deren fantastische Stimmen sorgen für Gänsehaut und Überraschung beim Hörer. Begeisterung für die Hits der eigenen Kindheit und der Background der 4 Sängerinnen als Doowop-Straßenmusikerinnen werden hörbar und sorgen für ein Ausnahmealbum.

Amy Winehouse – zu kurz, zu banal, zu schlecht gesungen


Rating: ★★★☆☆

Ich bin bekennender „Nicht-Fan“ von Amy Winehouse. Ihr Gesang ist in meinen Ohren nicht (wie viele Zeitgenossen finden) aufregend oder gar erotisch, sondern einfach nur bemüht ordinär. Doch wir wollen dem Album nicht Unrecht tun. Wenn eine Plattenfirma so viel Geld für eine Künstlerin ausgibt, dann lohnt sich das in diesem Fall schon:

Kein Zweifel- dies ist ein gut gemachtes Pop-Album! Abwechslungsreiche, gekonnte Arrangements quer durch die Musikstile der 60er Jahre: Motown, Orchesterpop etwas Soul – da ist für jeden etwas dabei. Nur die Sängerin hat nicht die große, abwechslungsreiche und druckvolle Stimme, die es für ein wirklich überragendes Album brauchen würde.

Der unangenehme starke Cockney-Akzent. Die verschleiften, bemüht rotzigen Vokale, der geringe Stimmumfang – irgendwie habe ich immer den Eindruck, dass Amy Winehouse versucht, besonders verrucht zu klingen wie ein 13jähriges Mädchen aus einem Casting-Wettbewerb. Trotzdem ein gelungenes Pop-Album, das gegenüber dem Debütalbum „Frank“ von Winehouse zudem einen wesentlich besseren Sound und abwechslungsreichere Basis-Tracks hat.

Sweet Honey In The Rock – Selections 1976-1988 (1997)

Außergewöhnliche Frauen bringen außergewöhnlichen Acapella, 26. Dezember 2007

Rating: ★★★★☆
Schwarze Frauen singen zusammen feine Sachen: Sweet Honey In The Rock ist eine Gruppe von schwarzen Frauen, die seit über 30 Jahren Acapella singen. Mit klarem Bekenntnis zu den afroamerikanischen Wurzeln (geräuschhafte Sounds, Hecheln, Bellen, Juchzen markieren den Rhythmus) mit schönen Stimmen, die durch die große Besetzung an Fülle gewinnen. Und mit Texten, die kein Hörer je vergessen wird:

Mit ironischem Zwinkern schmachten die Damen „In The Upper Room“ – da wohnt nämlich Jesus. Sie singen über Kinder, saufende Männer, misslungene Demonstrationen und alles, was die bürgerrechtsbewegte schwarze Frau so bewegt. Und durch den freien Rhythmus und entspannten Vortrag der Sängerinnen groovt dieser Chor zum Steinerweichen schön. Diese Kombination von intellektuellem Anspruch (dies ist die Acapella Gruppe mit den meisten Doktorinnen und Professorinnen auf der Welt), Witz und schönem Gesang kommt gut an, wenn man sich auf den gemächlichen Musikstil einlässt.

Mit diesem erzählenden, entspannten Gesangsstil sind die Damen einzigartig. Der Sampler bietet einen guten Überblick über die ersten acht Alben der Gruppe, deren Besetzung häufig wechselte. Durch die unterschiedlichen Stimmen kommt zusätzlich Abwechslung in die Stücke. Einige Damen haben gaaanz tiefe Stimmen, andere bellen und hecheln wie die jungen Hunde – eigenartig, interessant!

Das Booklet ist wunderbar ausführlich und stellt alle Bandmitglieder dieser Zeit ausführlich dar. Eine gelungene Zusammenstellung und perfekt für alle, die nicht gleich 20+ Alben kaufen wollen von dieser in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Gruppe.

Zwei sehr gute Sänger mit einem Weichspüleralbum

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Rating: ★★½☆☆

Robert Plant und Alison Krauss können gut, nein sehr gut singen und haben als Interpreten das kleine Fitzelchen Style, das aus einer schönen Stimme einen guten Sänger macht. So war ich sehr gespannt auf das Album Raising Sand, wurde aber leider heftig enttäuscht. Eine grauenhaft weichgespülte Produktion mit dumpfem, matschigem Sound. Das kling, als wollte der Produzent eine Gruppe Hörgeschädigter nicht aus dem Schlaf wecken. 

Langsame, dumpf abgemischte Tracks mit dröhnigen Bässen untermalen eine sehr abwechslungsreiche Mischung aus modernen Songs (Tom Waits u.a.), die von den Sängern  verhalten, vorsichtig und mit viel Ausdruck dargeboten werden. Da wurde der Sound dem Zeitgeist geopfert. Der Produzent T-Bone Burnett sollte sich eventuell mal bei Interpreten wie Jennifer Warnes oder Rickie Lee Jones umsehen, wie schöne Stimmen richtig in’s Licht gesetzt werden. So aber: Uninteressanter Weichspülpop für Freunde der Hintergrundmusik.

Aztec Camera – rasante Gitarren und etwas Melancholie

Rating: ★★★★★

Dieses Album erschien 1983 und ließ mich bis heute nie los. Ein überragendes Pop-Album, zeitlos, elegant und mit viel Stimmung. Roddy Frame, der Mastermind und Singer Songwriter präsentiert hier mit seiner Band melancholischen Folk-Pop mit teilweise sehr extravaganten Gitarrenparts.

Schon der rasante Opener „Oblivious“ zeigt, wo es langgeht: Vertrackte Rhythmen und Harmonieren zu sehr eingängigen und poppigen Melodien, die mit fast traurigem Gesang kombiniert werden.

Roddy Frame ist ein ganz origineller Gitarrist. Ohne große Soundspielereien, dafür aber mit viel Druck und reich an Abwechslungen spielt er wie eine Mischung aus Joe Pass und Stevie Ray Vaughan. Und die Songs haben wirklich große Klasse: „Walk Out To Winter“ überzeugt mit einer bestechenden Hookline und rasantem Zusammenspiel der Band. Ähnlich kommt das melancholische „We Could Send Letters“ daher. In „Release“ driftet Frame sehr gekonnt in feinste Melancholie zur gepflegten Gitarrenbegleitung ab, um bald danach mit dem hymnischen „Back On Board“ das Album drei Songs vor Ende abzuschließen.

Ein Album mit sehr viel Langzeitwert durch die rauen, unverwechselbaren und vertrackten Songs.

Jennifer Warnes – Hunter (1993)

Traumhafte Stimme, großartiger Sound und bunt gemischtes Songmaterial,
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Rating: ★★★★½

Jennifer Warnes ist eine dieser ganz großen Sängerinnen, die mit ihrer Stimme fast Alles können: Säuseln, raunen, schluchzen aber auch strahlend laut und hoch druckvoll singen. Sie wurde berühmt durch ihre Arbeiten für Hollywood-Filme („Up Where We Belong“ mit Joe Cocker verkaufte Platin und brachte den Oscar) und veröffentlichte im Verlaufe ihrer 40jährigen Karriere relativ wenige eigene Alben.

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Annett Louisan – Boheme (2005)

Ausgefuchstes Album einer samtigen Kindchenstimme mit tollen Texten,

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Rating: ★★★☆☆

Die Sängerin mit der Stimme wie aus der schwülen Werbung für einen Weichspüler: Samtig, kindlich und dabei immer kontrolliert. Leider fehlen Annett Louisan die kernigen Töne, welche für raue Songs oder Chanson zwingend notwendig sind. Dennoch: Sie kann toll singen, klingt nie bemüht oder peinlich (gute Intonation und Zwerchfellstütze machen’s möglich) und hat einen großen Wiedererkennungswert.

Bemerkenswert die gute Produktion: Nur wenige, sehr abwechslungsreich eingespielte Gitarren und Percussion untermalen überwiegend im 3/4 Takt den Gesang und Texte, deren Genauigkeit und Zynismus von selbst textenden Sängerinnen in deutscher Sprache regelmäßig verfehlt werden. Das hört man immer wieder und dank der Texte auch immer mit einem kleinen Schmunzeln.

Fleetwood Mac's Gitarrist macht Akustik-Pop

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Rating: ★★★★½

Wer das reduzierte, immer klar strukturierte Gitarrenspiel und die erlesene Kompositionen von Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac nicht genau beobachtet hat, ist hier überrascht: Akustische Gitarren, absolut virtuos und ausdrucksvoll gespielt, übereinander geschichtet zu kleinen Pop-Sinfonien in der britischen Tradition von Terry Hall, Al Steward und Paul McCartney. Hier zeigt sich, dass Buckingham das melodische abwechslungsreiche und feinsinnige Gegengewicht zu der gut geölten Rhythmusmaschine Mick Fleetwood/John McVie bei Fleetwood Mac war.

Das klingt, als wäre Brian Wilson mit der Elite der britischen Pop-Musiker unterwegs gewesen, um das ultimative Pop-Gitarrenalbum einzuspielen. Einfach überragend. Ich liebe britischen Pop auf diesem Niveau. Mehr davon!

Mavis Staples und Ry Cooder – hier fehlt der Groove

Spiritualität und melancholischer Gospel – Civil Rights und Kirche,

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Rating: ★★★★☆
Wenn Gesang etwas mit Seele und Herz zu tun hat, dann ist die fast 70jährige Mavis Staples der Beweis: Traditionals wie die wunderbar kraft- und hoffnungsvoll interpretierten „We Shall Not Be Moved“ oder „Eyes On The Prize“ atmet sie förmlich aus und legt eine Kraft in ihren Gesang, die bei modernen Sängerinnen nur selten zu finden ist. Mit ihrer tiefen, manchmal richtig raunenden und röhrenden Stimme und unterstützt von großartigen Chören (Ladysmith Black Mambazo und Freedom Singers) interpretiert sie traditionelles Liedgut mit einer emotionalen Tiefe, dass dem Zuhörer buchstäblich die Tränen kommen. Sie erinnert in ihren kurzen eigenen Zeilen daran, was die Bürgerrechtsbewegung erreicht hat (und was nicht) – „In My Eyes“.

War das 2004 erschienene Album „Have A Little Faith“ von Staples eine Art Comeback und Meilenstein mit seinen luftigen Arrangements und seinem rockigen Soul-Feeling, so werden diesmal noch erdigere Töne angeschlagen.

Die von Ry Cooder mit Drummer Jim Keltner und seinem Sohn Joachim produzierte Begleitung wird jedoch der Tiefe und Phrasierungskunst von Staples nicht immer gerecht. Drums und Percussion holpern (an Jim Keltner liegt das erfahrungsgemäß nicht), die viel zur Begleitung verwendete Slidegitarre von Cooder ist zu laut, schneidend, mittig und passt nicht immer zum jeweiligen Song. Und einer der Höhepunkte des Albums „Jesus On The Mainline“ gerät trotz der fantastischen Interpretation der Sänger teilweise völlig aus den Fugen. Das Schlagwerk holpert und die Gitarre wirkt gegenüber dem lockeren und freien Rhythmus der Sänger statisch und deplaziert. Das hat Ry Cooder auf seinem Frühwerk „Paradise And Lunch“ und vor allem auf seinem nicht als CD erhältlichen Live-Album von 1988 mit Willie Greene und Co. wesentlich intensiver und vor allem groovender hinbekommen. So wird leider die Intensität und Tiefe von Mavis Staples durch eine etwas holprige Produktion geschmälert. Trotzdem: Ein weiteres Ausnahmealbum der großartig singenden „Bürgerrechts-Oma“!

Mavis Staples ist eine Überraschung

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Rating: ★★★★☆

Mavis Staples hat diese extrem tiefe Altstimme, fast wie ein männlicher Bariton. Sie singt von Glaube, Hoffnung, Respekt und kann nie leugnen, dass die Staples Singers ihre Wurzeln in der Bürgerrechtsbewegung hatten. Ihre Stimme ist nicht gewaltig wie die von Aretha Franklin, sondern lebt von Ausdruck und Phrasierung. Ein bewegendes Erlebnis, diese fast 70jährige Sängerin zu hören.

Noch besser an diesem Album sind die Grooves: Fette, schwere Rhythmen, die direkt aus der Soundkiste alter Soulplatten von Stax und Motown zu kommen scheinen. Feine akustische Gitarren, grollender Bass, altmodisch funkig kracht das Fender-Rhodes und selbst Hammond-Orgel, Mundharmonika und sparsame Percussions lassen der Musik viel Raum zum Atmen und das Ganze geht richtig ab. Ein feiner, transparenter Sound krönt die wohl beste R & B Produktion der letzten Jahre.

George Michael verabschiedet das 20. Jahrhundert

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Rating: ★★★★☆

George Michael ist jenseits der Skandale und der schnellen Hits ein ganz hervorragender Sänger, was er hier gut zeigen kann: Schwierige bis schwierigste Arrangements von Songs, die zum Teil sehr bekannt sind. Und der Sänger phrasiert mit der ihm eigenen Glätte, aber immer druckvoll und sehr gekonnt. Auch ist jedes Detail des Textes zu verstehen; eine gekonnteArtikulation ist eben auch hilfreich für den Hörer. Da können sich 95 % aller männlichen und weiblichen Pop-Sternchen eine Scheibe abschneiden. Ich denke da zum Beispiel an den völlig verunglückten Swing-Versuch von Robbie Williams….

Eine wirklich gediegene Auswahl der Songs, Unbekanntes und große, abgenudelte Hits werden gekonnt gemischt. Jede Interpretation bekommt einen eigenen Touch und hört sich ungewohnt, interessant und stimmig an.

Und vor allem: Geniale Orchesterarragements und ein unglaublich transparenter, durchhörbarer und fetter Orchestersound – dieses Album ist eine audiophile Perle, Phil Ramone dem Produzenten sei Dank dafür. Warum nicht 5 Sternchen? Ganz einfach: Kein eigener Song dabei. Dies ist ein y2k (Jahr 2000) Album. Und besser, geschmackvoller und interessanter geht das kaum zu machen.

Emmylou Harris – Elite Hotel (1972)

Eine unglaubliche Sängerin mit einem unglaublichen Album, 14.05.2007
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Rating: ★★★★★

Emmylou Harris nahm sich mit diesem Album Großes vor: Songs der Beatles (das absolut ergreifende und in Zeitlupe gesungene „Here, There“) ebenso wie Country Standards und -kracher („Amarillo“, „Together Again“ und „Jambalaya“).

Die Gratwanderung ging auf: Zeitlos gültige Interpretationen von bekannten Songs. Mit einer Stimme, die alle Register zieht. Glockenhell, verrucht, lasziv, verträumt oder romantisch. „The Voice of Country“ könnte Telefonbücher singen und hat hier sogar noch gutes Material. Und eine musikalisch traumhaft gelungene Einspielung außerdem, mit einem kleinen Trick: Jeder Song hat das falsche Tempo. Die Kracher einen Tick zu schnell, die Schnulzen einen Tick zu langsam. Das erhöht die Eindringlichkeit und macht diese Einspielungen traum- und vorbildhaft.

1975 im Lastwagen vor dem eigenen Haus entstanden ist dies (auch mit dem soundtechnisch gelungenen Remastering) ein Album fürs Leben.

Dixie Chicks – Fly (1999)

Raffiniertes Nachfolgealbum der cleveren Chicks, 12. Mai 2007

Rating: ★★★★½

Mit ihrem Vorgängeralbum „Wide Open Spaces“ räumten die Dixie Chicks auf dem Gebiet des traditionellen Country ab. Und produzierten hier nur ein Jahr danach ein fantastisches Folgewerk, mit dem Popfreunde und Anhänger des Alternative Country ebenso Freude haben. Die Zutaten (solide und filigrane Saiteninstrumente, viel Satzgesang, tolle Leadsängerin) blieben gleich.

Aber bei der Songauswahl haben wir mit dem zutiefst ironischen „Cowboy Take Me Away“ von Bandmitglied Martie Seidel einen echten Megahit. In „Goodbye Earl“ wird grimmig witzig der prügelnde Ehemann verabschiedet (Frauenpower lässt grüßen). In dieselbe Kerbe schlägt das witzige „Let Him Fly“ am Ende. Und mit „Some Days You Gotta Dance“ enthält das Album einen der schärfsten Gitarrenkracher (etwa 10 verschiedene Gitarren bauen ganz filigran einen unglaublichen Groove auf) aller Zeiten. Dass dieses Lied auch noch einen witzigen (leicht männerfeinlichen-) Text hat, vergrößert nur den Spaß. Ein rundum gelungenes Album für alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Und musikalisch überaus spannend und interessant, obwohl (wie man beim Mitspielen merkt) das gesamte Album in ganzen drei Tonarten gehalten ist.

Dixie Chicks – Wide Open Spaces (1998)

Bahnbrechendes Country-Pop Album – Frauentrio mit viel Power, 12. Mai 2007

Rating: ★★★★★
Die Dixie Chicks musizierten schon 10 Jahre zusammen, als sie mit diesem Album 1998 zum Weltruhm kamen. Was war geschehen? Leadsängerin Natalie Maines mit ihrer unglaublich glatten, metallischen und druckvollen Stimme war zur Band gestoßen und veredelte die Interpretationen der Schwestern Martie Seidel und Emily Erwin (tolle Instrumentalistinnen an Fidel, Banjo und allen Saiteninstrumenten) zu echten Perlen.

Und weil die Songauswahl und die Bandchemie passten, erleben wir hier großartige Interpretationen guter (fremder-) Songs. Filigrane Gitarrenarbeit, toller Satzgesang, eingängige Hooklines und eine großartige Leadsängerin – so wird eine Band auch mit fremdem Material berühmt. Denn das Album enthält nicht einen eigenen Song der cleveren Chicks!

Ein absolut zeitloses Album, das mit Songs wie „There’s Your Trouble“ auch Pop und selbst Jazzfreunde begeistert.

Carmel – Lektionen in Groove mit Sängerin

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Rating: ★★★½☆

Carmel, das Bandprojekt um die gleichnamige Sängerin mit der extrem metallischen Stimme ist seit 1982 zusammen. Und fällt damals wie heute völlig aus dem Zeitgeist. Nur fetter Bass, verspielte Trommeln und Gesang mit wechselnden Begleitmusikern. Kaum Synthesizer und jedes Stück ist eine Lektion in Groove, weil Trommler und Bassist die meisten Stücke mit geschrieben oder adaptiert haben.

Das verspielt südamerikanische „It’s All In The Game“, der krachende Tanzbodenknaller „More More“ und auch eine nett gemachte Adaption eines Grooves von Herbie Hancock klingen interessant und und sind (weil die Grooves der Band absolut lehrbuchmäßig aufgebaut sind, teilweise sogar verkappte Standardtänze wie Rumba, Cha Cha) angenehm zu hören und gut tanzbar.

Die Compilation gibt einen guten Überblick über die Schaffenszeit von 1982 – 1989 und glänzt durch illustre Mitmusiker (Johnny Hallyday in dem wunderbaren Franko-Pop „Je Oublierai..“ oder Stevie Nieve mit toller Orgel ), die auch gebührenden Raum bekommen.

Da stört es kaum, dass die sehr helle Stimme von Carmel, die so gut zu dem basslastigen Sound der Band passt, auf die Dauer manchmal nervt.

Grace Jones kann singen

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Rating: ★★★★½

Grace Jones ist leider als Sängerin nicht so populär wie sonst. Auf diesem Album zeigt sie zum Beispiel mit einer exzellenten Coverversion von „Demolition Man“ von Sting oder auch mit dem rasanten „Pull Up To The Bumper“, was ein singendes Model so auf die Beine stellen kann, wenn die Begleitung und die Produktion stimmen. Shakespeare und Dunbar sorgen für tolle Grooves und der Gesang dieser Autodidaktin ist immer markant, entspannt und sehr kraftvoll. Was man bei modernen Pop-Produktionen von Starlets wie Katie Melua oder Amy Winehouse leider meistens nicht behaupten kann.

Es gibt viele unbrauchbare Compilations von Grace Jones. Dieses und das noch ausgefeiltere und unterkühltere Album „Island Life“ decken aber alles ab. Mehr Grace Jones braucht es nicht. Und mit weniger hätte man eine wirklich interessante Sängerin und gute Produktionen der 80er versäumt.

The Nylons – 4 On The Floor (1991)

Wilder Acapella-Ritt in Live – gelungen und livehaftig, 20. April 2007

Rating: ★★★½☆

Bei dem hier mitgeschnittenen Live-Konzert Anfang der 90er hatten die vier Gesangswunder aus Canada ihre ersten Erfolge schon hinter sich. Und waren als Gruppe nach 10 Jahren (!) so weit eingesungen, dass sich auch für das Publikum ein solcher Auftritt lohnt. Die Audienz ist hörbar begeistert und geht gut mit – ein richtiges Live-Konzert.
Ganz entspannt, mit recht witzigen Moderationen („itŽs so lonely at the top“) und einem sehr breit gefächerten Repertoire zeigen die 4 Alles. In Good Old Acapella und dem rasanten Heavenly Bodies , den beiden markantesten Uptempo Nummern, bekommen wir die gesamte technische und sängerische Bandbreite dieser außergewöhnlichen Band serviert. In dem bekannt Sam Cooke Klassiker Chain Gang steigert sich die Band in eine wahre Rhythmus-Orgie hinein. Klassische 1 Bass – 3 Voices Stimmführung, wobei der Bass (!) den Ton angibt – perfekter und mitreißender hat noch niemand diesen oft gecoverten Song gebracht.
Diese Aufnahmen reißen jung und alt mit und werden mit großer Perfektion vorgetragen. Rasante rhythmische Uptempo Nummern wie das großartige Good Old Acapella wechseln ab mit für diese Band eher ungewohnten Balladen.
Die sehr klassisch gehaltene Version des bekannten Dream der Everly-Brothers etwa ist hier gut gelungen. Dieses Stück ist ja unendlich oft gesungen worden und trotz seiner harmonischen Schlichtheit eine ganz große Herausforderung an jede Acapella Group. Ganz auffällig bei diesem Stück: Die enormen technischen Möglichkeiten der Bandmitglieder werden nur sehr dezent ausgeschöpft und ordnen sich voll dem künstlerischen Ziel unter. Und doch ist die fast unauffällige, aber atemberaubend livehaftige und perfekt gesungene harmonische Wendung am Ende des Stückes mit einem wilden Glissando des Basses der perfekte Abschluss für diesen Song. Die ganze Banalität des Originals verschwindet und weicht einem fast mystischen Hoffnungsschimmer. Der Sänger träumt hier nicht nur mal so beiläufig zwischen Eisdiele und Autotrip vor sich hin wie im Original der EVERLY BROTHERS. Hier wird der Song -wie bei den Persuasions, die Ähnliches mit anderen Mitteln erreichen- ernsthaft und bekommt eine hymnische Qualität.
Gut gefällt mir auch das oft gecoverte One Fine Day – es wird meist als superlangsame Ballade angegangen. Die vier reizenden Herren hier nehmen das Stück in rasendem Tempo und geben der Sache mit dem hoffentlich zurückkehrenden Liebhaber damit eine ganz neue, drangvoll optimistische Seite.
Die Scheibe ist auch für Neulinge im Acapella gut geeignet wegen der großen stilistischen Vielfalt und der perfekten gesanglichen Darbietung.

Persuasions – Good News (1988)

Solider Gospel und Rhythm-Blues mit tollen Stimmen und Feeling, 17. April 2007

Rating: ★★★☆☆

Es gibt Alben der Persuasions, deren Songs mehr hergeben („Frankly Acapella“ zum Beispiel mit Zappa Songs). Aber auf diesem Album waren die vier Herren stimmlich absolut top und auf der Höhe.

„Cupid“, der bekannte Song von Sam Cooke wird hier zu einem sehnsüchtig atmenden Gospel, „Dream“ – diese bei den Everly Brothers in Schmalz ertrinkende Schnulze bekommt durch die Stimmen der Herren eine raue Schale und gewinnt dadurch. „Soothe Me“ bring die Hörer in eine Südstaaten Gospel-Kirche und „Let The Good Times Roll“ klingt fast so locker und rockig wie die großartige Live-Einspielung der Brüder Jonny und Edgar Winter. Selbst das etwas zusammengeklaut wirkende Broadway-Medly mit „Swanee River“ bringt erstaunliches: Wie die Stimme des Leadsängers dort in den tiefsten Bass abtaucht, so dass bei einer etwas besseren Stereoanlage die Wände wackeln, das hat große Klasse.

Kurz gesagt: Bekannte Songs, gekonnt gebracht.

Persuasions – Frankly Acapella

Zappa mit Herz und Gospel-Feeling, 17. April 2007

Rating: ★★★★☆

Die Persuasions (eine seit mehr als 40 Jahren bestehende Acapella Gruppe) haben auch für und mit Frank Zappa gearbeitet. Sie singen wie immer schlicht, rockig und mit viel Herz. Die Songs gewinnen dadurch: Keine versponnenen Gitarrensoli, keine wilden Synthesizer. So klingt Zappa frisch wie in seiner ersten Zeit mit den Mothers Of Invention.

Und wie gut die Songs sind, zeigt schon allein das bewegende, kernige „Anyway The Wind Blows“ und vor allem auch die von Zappa 1971 auf seinem grandiosen Live Album „At The Filmore“ veredelte Nummer der Turtles „Tears Begin To Fall“.

Und wenn es bei Zappa anzüglich wird „Harder Than Your Husband“, dann kommt das bei den Persuasions witzig, kumpelhaft und ist keine Sekunde bemüht. So geerdet, respektvoll und rockig darf Zappa aus dem Grab schmunzeln über diese 4 singenden Fans. Da stören auch die kleinen Spielereien, wie der „Mystery Track“ am Ende des Albums nicht.

Emmylou Harris – (Live) At The Ryman

Magisch – das wohl beste Live-Album im female Country,

Rating: ★★★★★
Bis die Dixie Chicks das ultimative Live-Album einspielen, trägt diese Aufnahme bei mir die Krone in der Sparte „Female Country – Live“. At The Ryman – das ist der „echte“ Titel dieses Ausnahmealbums. Benannt nach dem Ort des Geschehens, 1991 in einer kleinen, holzgetäfelten Halle, in der früher die legendäre „Grand Ole Opry“ untergebracht war. Ein rein akustisches Set mit einer sorgfältig zusammen gestellten Band aus Musikern, die wegen der sehr schwierigen mehrstimmigen Vocals vor allem auch gut singen können müssen. Mit einem fachkundigen, begeisterten Publikum und einer glänzend aufgelegten, heiteren Emmylou Harris.

Es beginnt mit dem fetzigen „Guitar Town“, einem Country Hit von Steve Earle. Es folgt „Cattle Call“, ein zutiefst traditioneller Cowboy Song, der durch gekonnten Satzgesang geadelt wird. Mit „Guess Things Happen That Way“ begibt sich die Band auf moderne Country Gleise, rührt Acapella mit „Hard Times“ auch Steine zu Tränen. Und gleitet dann mühelos und mit perfektem Swing und Satzgesang durch eine breite Auswahl überwiegend traditioneller Country-Songs, aus denen vor allem „Lodi“ von John Fogerty heraus sticht – lakonischer, trauriger und schmissiger haben das auch CCR nicht gespielt.

Großartige Live-Atmosphäre, gekonnte Interpretation, abwechslungsreiche Songauswahl, ein aufmerksames Publikum und ein toller, durchsichtiger Sound machen dieses Album zeitlos und gut.