David Lindley & El Rayo X – Win This Record (1982)

Talk To The Lawyer – Afghanistan, CIA und all der Rest.

Dieses 1982 erschienene zweite Soloalbum von David Lindley mit seiner eigenen Band „El-Rayo-X“ ist insgesamt schneller, härter und kommerzieller angelegt als das musikalisch alles überragende Erstwerk „El-Rayo-X“. Die Band hatte nach dem relativ großen Erfolg des Erstlings ausgedehnte Touren absolviert. Dadurch wurde das Zusammenspiel dichter und komplexer.

Der Satzgesang der Band ist komplex und soundfüllend wie selten auf einer Rockplatte. Drummer Ian Wallace knallt eine Rythmusarbeit hin, dass sich die Drumcomputer der 80er anhören wie Spielzeugboxen. Und so spielt sich eine grandios aufgelegte Band durch ein buntes Programm aus Klassikern wie Etta James „Something Got A Hold On Me“, dem heftig groovenden „Brother John“ der Neville Brothers. Man besingt mit „Talk To The Lawyer“ (meinem Lieblingssong des Albums und eine Eigenkomposition) die zweifelhaften Freuden eines Staates mit CIA, Einberufungsbefehlen nach Afghanistan und ohne Anwalt. „Twist And Shout“ – bekannt von Jerry Lee Lewis bis zu den Beatles wird mit peitschendem Rhythmus und aufgedrehtem Gesang so lange durch den Wolf gedreht, bis hier der Partykracher so richtig raus kommt.

Nicht eine Sekunde schlechte Laune; aufgedreht, fröhlich und auf überragend hohem musikalischen Niveau geht es durch die Hinterhöfe der Rockmusik. Die Slide-Gitarre von Lindley singt und jubiliert besser denn je. Und warum dieses Album ebenso wenig wie der Erstling der Band nie in die Charts kam? Weil damals leider die ganze Welt David Bowie, Tina Turner, Queen und ähnliche Stadionrocker hören wollte. – Schade! Ein auch heute noch absolut zeitgemäßes Album. Am Strand, im Auto, beim Joggen – mit dieser Band macht das Leben Spaß und die Musik wird keine Sekunde langweilig oder altbacken.

Starproduzent Greg Landanyi sorgte für einen dichten, angenehmen und durchhörbaren Sound. Bei den Stimmen hört man mit einer guten Anlage oder Kopfhörer buchtstäblich jede der bis zu 6 singenden Lippen. Ein Top-Album und im Wahlkampf 2009 in Deutschland ist meine persönliche Hymne „Better Talk To The Lawyer“ aktueller denn je.

Rating: ★★★★★

Jeff Beck & Jan Hammer Group – Live (1977)

Komponist trifft Gitarrist – Live ist besser

Dieses Album ist ein Glücksfall im improvisierten Jazzrock. Spontan, treibend, musikalisch einfallsreich und für die Freunde des Gitarrenkünstlers Jeff Beck eine Demonstration dessen, was ein guter ausdrucksvoller Gitarrist einer technisch anspruchsvollen aber etwas glatten Band mitgeben kann.

Jeff Beck wollte touren, um sein neues Album „Wired“ vorzustellen. Er suchte sich dafür Jan Hammer und seine Band aus. Die waren bereits damals (bevor Hammer mit dem Miami Vice Titelsong berühmt und reich wurde) bekannt und kommerziell recht erfolgreich. Hammer hat als Keyboarder einen sehr kompromisslosen Stil und Sound. Sehr gutes Timing, präzise Pattern und dazu einen interessanten, manchmal richtig brutalen, fiesen „Keyboard über Gitarrenverstärker gespielt“ Sound. Gut zu hören ist das auf dem Opener „Freeway Jam“ des Albums, wo Beck und Hammer sich gegenseitig mit ihren Instrumenten ausgiebig anhupen, bevor es dann abgeht über die Autobahn. Wäre da nicht die exakte Stereoverteilung dieses Albums – Gitarre und Keyboard wären weder zu unterscheiden, noch als solche zu erkennen.

Jan Hammers Alben dieser Zeit leiden oft an einer für Jazzrock manchmal typischen Glätte – technisch perfekt und anspruchsvoll, aber leider musikalisch eher uninteressant. Dieses manchmal etwas eintönige Jazz-Rock Einerlei bricht Jeff Beck hier mit seinen verspielten, virtuosen und die Band oft sehr fordernden Einwürfen und Improvisationen komplett auf. Er zieht das Tempo an um sofort wieder in lyrische Passagen abzugleiten. Die gesamte Band stoppt auf den Schlag, wenn Beck einen seiner unnachahmlichen Kreischtöne aus der Gitarre holt. Und die fantastisch strukturierte Rhytmusarbeit vor allem auch des brillianten Bassisten Fernando Saunders, der sich oft gemeinsam mit Beck zu längeren Unisono-Passagen aufschwingt, fängt diesen wilden Improvisator immer wieder ein und erdet dessen geräuschhafte Feedback-Spielereien und seine wilden Melodiebögen. Die Songs sind mit einer Ausnahme von Hammer, was jedoch nicht schadet. Beck war damals auf diese Art von Musik abonniert und konnte das einfach. Und Hammer ist wirklich kein schlechter Komponist: „She’s A Woman“ oder der rasende, wilde „Full Moon Boogie“, wo die Band vor lauter Lust an der schnellen Improvisation zuletzt unisono den Refrain mitsingt – diese Stücke sind nicht nur abwechslungsreich und anspruchsvoll, sondern eben auch die perfekte Grundlage für Improvisationen guter Musiker. Darum macht dieses Album auch so viel Spaß.

Vorsicht: Bei der originalen CD ist der Sound dieser Aufnahme etwas höhenarm und wenig hifidel. Was aber zum mittigen Sound von Hammer und Beck ganz gut passt. Nur Bass und Schlagzeug würde man sich etwas deutlicher und detailreicher wünschen. Diesen Wunsch erfüllt eine Neuauflage der CD, die 2008 erschienen ist und remastered wurde. Die swingenden Becken des Drummers, die pulsierenden Bässe von Fernando Saunders – hier hört man, wie jazzig diese Band auch klingen konnte. Unbedingt darauf achten – die Neuauflage der CD lohnt sich wirklich. Eines der wirklich guten Live-Alben im (Jazz-)Rock ist dies aber auch so.

Meine Bewertung: Rating: ★★★★☆

Lyle Lovett – Road To Ensenada (1996)

Swing, Walzer, Country – Groove und brilliante Songs

Lyle Lovett ist der einzige mir bekannte swingende Texaner. Auf diesem Album lässt er den Schwermut und den Zynismus beiseite und widmet sich mal ernst (Who Loves You Better – diese Frage musste ein Mann ja mal stellen) und mal entspannt und heiter („Don’t Touch My Hat“, „That’s Right (You’re Not From Texas“) den kleinen und großen Themen des Lebens. War bereits auf seinem grandiosen Album Pontiac schwerster Swing die Grundlage, so taucht dieses Stilelement hier noch häufiger und in faszinierenden Variationen auf: Der brutal schnelle Groove von „Thats Right“

ist neben einigen ähnlichen Werken von Brian Setzer und Joe Jackson wohl der verdammt schnellste und treibenste Swing im Pop überhaupt. Und der konzentriert gleichmäßige, langsam treibende Groove von „Her First Mistake“ treibt auch einen Opa mit Krücken 6:28 Minuten lang voran. Bessere Rhythmusarbeit (Russ Kunkel und Lee Sklar besorgen das) gibt es selten. Und das sind alles keine Jazz-Musiker! Vielleicht mag ich die herzhaften Grooves dieses Album deswegen so sehr.

Der lakonische Humor (diesmal ganz entspannt bei „That’s Right“, wo es wirklich nur um Texas geht), aber auch die zauberhaften kleinen Beobachtungen (der elegante Walzer von „Christmas Morning“) – hier ist Lovett ganz entspannt und ganz bei sich. Seine Band liefert dazu feinste Musik in überragender Klangqualität – wie immer bei Lovett auch 5 Sterne für den Sound und die Produktion.

Lyle Lovett – Pontiac (1987)

Meisterwerk zwischen den Stühlen

Lyle Lovett veröffentlichte mit Pontiac 1987 erst sein zweites Album und bestätigte damit endgültig, dass er zu den ganz großen Songwritern gehört. Der bissige Witz (M-O-N-E-Y), die zarte Romantik ohne jede Sentimentalität (If I Had A Boat), auch einmal harte Worte über die Frau zu ganz schwerem Swing (She’s No Lady) – jedes Lied findet sofort seine Stimmung, ist unverwechselbar und musikalisch feinste Arbeit.

Verblüffend auch die musikalische Vielfalt. Es beginnt mit klassischem Modern-Country und wandert danach durch Gospel und Swing: Große Ballade (der Opener und I Loved You Yesterday), vertrackter Gospel (Money), schwerstmöglicher, geradezu waffenscheinpflichtiger Swing mit wunderbaren Bläsern (She’s No Lady, She’s Hot To Go). Kein einziger Füller, kein schwacher Song dabei.

Das Album sitzt entspannt zwischen den Stühlen. Fast unnötig zu erwähnen die sehr hochwertige Produktion mit einem feinen Sound – Lovett macht das immer so. Viele halten dieses für das beste Album von Lovett. Das ist nicht ganz falsch, tut jedoch den übrigen Werken Unrecht – von den ersten 6 Alben Lovetts ist jedes unbedingt hörenswert und gelungen.

Albert Lee – Road Runner (2007)

Brit-Pop, Nashville und Rock mit 60+

Albert Lee hat in den 50 Jahren seiner Karriere mit der halben Welt gespielt und Platten aufgenommen. Das reicht von Chris Farlowe über Eric Clapton direkt nach Nashville und zu Emmylou Harris, in deren legendärer Hot Band Lee neben seinen zahllosen Studiojobs er jahrelang wirkte. Bei einem so berühmten und viel beschäftigten Gitarristen würde man sofort denken: „Dies ist wieder so ein Virtuosenalbum..“ – aber nicht hier:

Lee schlägt die Brücke von seinen Wurzeln im Britischen Pop und Blues zum modernen Country so gekonnt, so lässig und so entspannt, dass der Hörer keine Sekunde überhaupt merkt, dass hier mit Lee und der Legende Buddy Emmons an der Steel Guitar zwei Virtuosen unterwegs sind. Die technischen Fähigkeiten der Musiker ordnen sich vollständig unter die Musik. So lange Du nicht versuchst, etwas von diesem Album nachzuspielen, bekommt man nur die Musik mit:

Wunderbare, entspannte Rhythmen, Klangwände aus vielen Gitarren, die sich in überraschenden Harmoniewechseln zu dem von Brian Wilson, Paul McCartney und J.S. Bach gehüteten Olymp des Pop aufschwingen. Das Songmaterial reicht von den 60ern bis heute. Und ordnet sich musikalisch ein zwischen den Everly Brothers, Clapton, Paul McCartney und Emmylou Harris eigenen Werken. Kein Wunder: Lee hat mit diesen Musikern (bis auf den Beatle) viel gearbeitet. Sogar Songwriter John Hiatt ist vertreten. Und doch klingt es immer nur nach guter Musik. Lee ist nicht der größte Sänger vor dem Herren. Aber seine Musik landet so gekonnt zwischen Brit-Blues, Pop, alternative Country und Nashville  – es ist die reine Freude. Und dass Sound und Produktion über jeden Zweifel erhaben sind, versteht sich bei DEM Künstler von selbst. Gut gefallen haben mir die unauffälligen, aber immer songdienlichen Vocal-Supports: Jon Randall mit seiner wunderschönen Stimme, Mark S. Cohen und Bekka Bramlet geben den Songs Farben mit, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ein sehr rundes, entspanntes und musikalisch praktisch perfektes Album – altersweise und doch frisch.

The last acoustic Waltz – Emmylou und die Nashville Rambler nehmen Abschied

Momentan höre ich fast nur Live-Musik und da ist der Live-Mitschnitt auf DVD dieses Konzerts der großen Emmylou Harris und ihrer damaligen Band aus dem Jahr 1995

gerade richtig. Nach ihrem großartigen Live-Album ging Harris mit ihrer Live-Band vier Jahre lang ständig auf Tournee und erarbeitete sich in dieser Zeit ein riesiges Repertoire; die Set-List für dieses Konzert umfasst mehr als 40 Titel und dies ist -wie Harris mehrfach grinsend und glaubhaft versichert- nur ein kleiner Ausschnitt aus dem wechselnden Programm der Band. Nie zuvor hatte ich Gelegenheit, ein so langes Live-Konzert als Mitschnitt zu sehen. Und selten sah ich so gute Musiker:

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Miles Davis + Band: Die Philharmonie kochte

Als Miles Davis und seine neu formierte Band (mit Herbie Hancock, Tony Williams, Ron Carter und Wayne Shorter) 1964 in der Philharmonie auftraten, dampfte wahrscheinlich die Luft. So hitzig, so funky und gleichzeitig so unterkühlt wie auf hörte ich zuvor von keinem anderen Musiker und keiner anderen Band Jazz.

Tony Williams sorgt für einen so drückenden Groove auf dem felsenfesten Fundament des monströs fetten Kontrabass von Ron Carter. Herbie Hancock spielt links funky und rechts komplex – so eine Mischung aus Hot und Cool hat es vor 1964 nicht gegeben. Wenn es eine musikalische Überleitung vom klassischen Cool-Jazz zur modernen Musik und dem Jazzrock gibt, hier ist sie. Und die Philharmonie sorgt für einen wirklich angenehmen, „holzigen“ Sound, bei dem wir jedes Instrument an der richtigen Stelle hören – ein Meilenstein der modernen Musik.

Rating: ★★★★★

Levon Helm groovt zwei Mal auf einem australischen Doppelpack


Dies ist eine CD mit zwei (!) Alben von Levon Helm. Levon Helm, das ist der Drummer von „The Band“. Der Mann mit der schönen Stimme und der fetten Bassdrum. Der in 2008 mit „Dirt Farmer“ eines der schönsten Americana-Alben heraus brachte, nachdem er an Kehlkopfkrebs fast gestorben wäre.

In den 80ern war Levon Helm ein Superstar. Und konnte die besten Musiker (Dr. John, Paul Butterfield, Donald „Duck“ Dunn) für sein erstes Soloalbum „..& the RCO Allstars“ in’s Studio holen. Das groovt wie die Sau (kein Wunder bei DER Besetzung) und schiebt mit wilden Triolen durch die Südstaaten-Ecke der amerikanischen Musik – Dr. John sorgt für Gesang und wildes Klavier und Paul Butterfield spielt so schön seine Harmonika, dass es zum Heulen ist. Ein gutes, ein fast perfektes Album, aber Helm kommt darin nicht so vor. Und es fehlt etwas die Seele.

Ganz anders dagegen im 2. Album „American Son“ von 1980: Eingespielt mit einer Truppe erlesener Country-Mucker aus Nashville kommt zum (entspannteren-) Groove hier die Seele dazu. Großartige Harmoniegesänge, Levon Helm singt wie der junge Gott (er hat keine wirklich schöne Stimme, zieht aber jeden Zuhörer durch seinen Ausdruck in den Bann). Zwei Mal Georgia („Watermelon Time“ und „Sweet Peach..“) markieren den unglaublich entspannten Groove. Dazwischen mördermäßiger Gesang („Violet Eyes“ und „China Girl“) und kein einziger Füller. Der Groove dieses Albums und der beseelte Gesang lassen einen keine Sekunde los. Wohl das beste Album von Levon Helm neben seinen vielen Studio- und Bandjobs.

Diesen „Doppelpack“ (zwei Alben auf einer CD) gibt es nur in Australien und nur von wenigen Anbietern. Ein absolutes Muss für Freunde entspannter Rock- und Countrymusik mit gutem Gesang. Der Anbieter lieferte bei mir übrigens in weniger als einer Woche, was ich genauso unglaublich finde wie diese beiden Alben.

Lyle Lovett macht kleine Musik ganz groß

Rating: ★★★½☆

Lyle Lovett versammelt hier im wahrsten Sinne eine „Large Band“ um sich, um ganz „kleine“, einfache Songs mit einer buchstäblich gigantischen Produktion einzuspielen. Und kultiviert seinen Hang zu sehr abwechslungsreichem „Stilbruch“ auf höchstem Niveau. Dass die Songs mit einer Ausnahme neu und von Lovett selbst sind, hört man nicht unbedingt heraus. Klassische Themen der amerikanischen Volksmusik (Heimat, Liebe, das schöne Mädchen) werden erst durch den knappen, präzisen Erzählstil und den sarkastischen Humor Lovett’s modern.

Unglaublich und faszinierend abwechslungsreiche Arrangements unter Einsatz praktisch sämtlicher Instrumente und Sounds, die moderne amerikanische Musik zu bieten hat:

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Retro-Soul-Rock vom Meister der Latino-Ballade


Rating: ★★★★½
Willy DeVille hatte sich seit dem Debütalbum seiner Band Mink DeVille als der ultimative King der Ballade etabliert. Romantischer, männlicher, verletzter und theatralischer klang davor und danach kaum ein anderer. Nach den ersten drei Alben wechselte die Band zum Label Atlantic, bekam mit Jack Nitzsche einen erfahrenen Produzenten und heraus kam:

Eine härtere Gangart. Saxophone und eine sehr präzise rockende Band untermalen DeVille als romantischen Rocker. Keyboards und Akkordeon umrahmen den energetischen Gesang DeVilles. Schwere Drums und altmodisch zerrende Gitarren, auch Marimbas sorgen für bodenständigen Groove.

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Neville Brothers – Best Sound by Daniel Lanois


Die Neville-Brothers haben Aaron Neville, eine der auffälligsten Stimmen des Soul und sie hatten für ihre überragenden Alben „Yellow Moon“ und „Brothers Keeper“ Daniel Lanois als Produzenten. Und der sorgte für einen unglaublichen Sound: Hallfahnen, die traurig mit dem Saxofon verwehen, Delays, die den Rhythmus mit bestimmen, Gitarren, die so scharf und sahnig klingen, als wäre die Endstufenröhre des Fender-Amp direkt an das Gehirn des Hörers angeschlossen. Interessanter, abwechslungsreicher und markanter kann Soul-Pop kaum klingen. Die Zusammenstellung ist gelungen. Wer nicht „Yellow Moon“ – ein Ausnahmealbum – im Regal hat, wird mit diesem Sampler sicher glücklich.
Rating: ★★★★☆

Mink DeVille – immer wieder originell

Auf diesen gelungenen Sampler von Mink DeVille wurde ich aufmerksam durch einen allerdings nicht ganz so tollen Live-Mitschnitt von Willy DeVille (Berlin 2002). Willy hat eine unverwechselbare (Raucher-)stimme, die immer zwischen arrogantem New-Yorker (Lou Reed lässt grüßen) und romantischem Latino Romantico pendelt – und das hat viel Klasse. Dieser raue Gesang rettet die oft doch sehr sentimentalen Songs vor dem Abgrund des Schmalzes. Faszinierend, wie er ganz elegant und unauffällig lateinamerikanische Rhythmen (viel Rumba, Cha Cha Cha, Bossa) mit klassischem Soul und Rhythm-Soul mischt. „Mixed Up, Shook Up Girl“, „Spanish Stroll“, „Cadillac Walk“ – Songs für die Ewigkeit. Die ersten drei Alben der Band sind hier gut zusammengefasst.

Was hier fehlt, sind die großartigen Songs von DeVille’s drittem Album „Coup de Grace“. Der Wechsel zum Label Atlantic ist daran schuld. Und zu entdecken sind auch immer wieder die tollen Coverversionen von DeVille: „Hey Joe“ zum Beispiel war für mich die oberamtliche Version dieses Klassikers.
Rating: ★★★½☆

Cowboy Junkies – The Trinity Sessions

Velvet Under Ground in der Kirche – Trance-Folk mit Sound und Charme
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Die kanadischen Cowboy Junkies verfolgten mit diesem radikalen Sound (eine Band, eine Kirche, ein Take) und der faszinierenden, immer etwas gelangweilt klingenden Stimme der Sängerin Margo Timmins ein radikales Konzept: Eigene und fremde Kompositionen in Zeitlupe, mit ganz einfachen Arrangements und viel natürlichem Hall. Und das 1987, als die Synthis und Sampler um die Wette knallten.

Das klingt faszinierend nach den frühen Velvet Underground und deren Album „VU“, ohne desse radikale Härte und Schärfe. Manchmal klingt es aber auch etwas schlafmützig. Sehr eigene interessante Interpretationen von Traditionals (der gänsehauterzeugende Opener), Elvis „Blue Moon“ eigenwillig in Slowest-Motion, Hank Williams „I’m So Lonesome“ ohne künstlichen Schmalz und Lou Reed „Sweet Jane“ ohne dessen Arroganz – große Klasse.

Und dieser Sound ist einmalig: Natürlich der Hall, leise die Instrumente deutlich der Raum und faszinierend rauchig die Stimme – ich liebe solche Aufnahmen ohne Schmu und Effektgeräte. Die durchaus hörbaren Längen einiger Stücke verhindern den 5. Stern nur knapp.
Rating: ★★★★☆

Randy Newmann mit Gitarre – eine musikalische Perle


Rating: ★★★★½

Lyle Lovett ist in Europa weniger als Musiker bekannt denn als Ex-Ehemann von Julia Roberts und interessanter Schauspieler in einigen Filmen von Robert Altmann (The Player, Short Cuts, Cookie’s Fortune) – völlig zu Unrecht. Mit einem ganz bösen Humor, genauer Beobachtung und sehr reduzierter, dafür umso eindringlicherer Sprache entwirft er hier in 18 Songs eine kleine Welt für sich.

Liebe zum Pinguin, das fette Mädchen und warum Lyle Lovett jeden liebt (der Titelsong) bestechen als Songs durch Überraschungseffekt, Authentizität und erinnern mehr an Randy Newman, Townes Van Zandt und ähnliche Singer/Songwriter als an Country, worunter Lovett üblicherweise abgelegt wird.

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Frauenpower pur – Motown von Patti Labelle und Laura Nyro


Rating: ★★★★½

Dieses Album beginnt mit einem der ungewöhnlichsten Vokalarrangements: „I Met Him On Sunday“ ein alter Motown-Hit der Shirelles, wird von 4 sehr unterschiedlichen, sehr kraftvollen Frauenstimmen gesungen wie von einer Doowop-Gruppe – jede Frau singt eine Zeile. Eine rhythmisch präzise Begleitgruppe füllt den Sound etwas auf – die Fröhlichkeit und musikalische Begeisterung der Sängerinnen springen sofort auf jeden Hörer über.

Die aufstrebende Singer/Songwriterin Laura Nyro, später bekannt geworden mit ihren sehr experimentellen Alben und Labelle, eine zu diesem Zeitpunkt schon eher stagnierende Gesangsgruppe um Patti Labelle und Nona Hendryx fanden sich 1971 unter etwas merkwürdigen Umständen zu dieser Produktion zusammen. Tagelang saßen die vier Frauen im Studio und probten, ohne eine Note aufzunehmen. Erst kurz vor Ultimo, quasi „One-Take“ entstand dieses ungewöhnliche Album. Die Frische des Gesangs, die zupackenden Arrangements, die hörbare Heiterkeit der Musikerinnen und deren fantastische Stimmen sorgen für Gänsehaut und Überraschung beim Hörer. Begeisterung für die Hits der eigenen Kindheit und der Background der 4 Sängerinnen als Doowop-Straßenmusikerinnen werden hörbar und sorgen für ein Ausnahmealbum.

Amy Winehouse – zu kurz, zu banal, zu schlecht gesungen


Rating: ★★★☆☆

Ich bin bekennender „Nicht-Fan“ von Amy Winehouse. Ihr Gesang ist in meinen Ohren nicht (wie viele Zeitgenossen finden) aufregend oder gar erotisch, sondern einfach nur bemüht ordinär. Doch wir wollen dem Album nicht Unrecht tun. Wenn eine Plattenfirma so viel Geld für eine Künstlerin ausgibt, dann lohnt sich das in diesem Fall schon:

Kein Zweifel- dies ist ein gut gemachtes Pop-Album! Abwechslungsreiche, gekonnte Arrangements quer durch die Musikstile der 60er Jahre: Motown, Orchesterpop etwas Soul – da ist für jeden etwas dabei. Nur die Sängerin hat nicht die große, abwechslungsreiche und druckvolle Stimme, die es für ein wirklich überragendes Album brauchen würde.

Der unangenehme starke Cockney-Akzent. Die verschleiften, bemüht rotzigen Vokale, der geringe Stimmumfang – irgendwie habe ich immer den Eindruck, dass Amy Winehouse versucht, besonders verrucht zu klingen wie ein 13jähriges Mädchen aus einem Casting-Wettbewerb. Trotzdem ein gelungenes Pop-Album, das gegenüber dem Debütalbum „Frank“ von Winehouse zudem einen wesentlich besseren Sound und abwechslungsreichere Basis-Tracks hat.

Robert Altmann gemächlich mit großartigen Schauspielern

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Rating: ★★★★☆

Robert Altmann entwirft hier eine Pastorale auf dem Land. Jeder kennt jeden seit Jahren und jeder hat ein Geheimnis und schmutzige Wäsche.

Glenn Close versucht, einen Selbstmord der alten Cookie wie Mord aussehen zu lassen. Charles S. Dutton spielt den zu Unrecht verdächtigten Freund der verstorbenen Oma so bärig, versoffen, liebevoll und entspannt, dass eigentlich jeder Verdacht von vorn herein lächerlich zu sein scheint. Liv Tyler kommt als chaotische, nach Catfish (Wels) stinkende Sexbombe zurück in ihre Heimatstadt, alle sitzen zusammen im Gefängnis, spielen Scrabble und die Jüngeren haben Sex. Durch die Kulissen schleicht Lyle Lovett, einer der eindrucksvollsten Nebendarsteller überhaupt als lüsterner Manny, der immer der schönen Liv Tyler an die Wäsche will.

Und jeder hat mit jedem etwas zu tun. Aber die doch recht komplizierte Handlung will ich hier nicht verraten, das wäre unfair.

Die Schauspieler dürfen übertreiben, was einigen Szenen sehr gut tut. Die Schauspieler bekommen ausreichend Zeit für Ihre Szenen (was das gemächliche Tempo des Films bestimmt). Die Abfolge der Szenen, die gekonnten Schnitte, die wunderbar archaisch-bluesige Musik von David Steward (ja, das ist der von den eurythmics) und eindrucksvolle Bilder in warmen Farben. Ein unauffälliger und schöner Film, bei dem der Zuschauer auch beim zweiten und dritten Sehen noch Neues entdecken kann. Und außerdem geeignet für alle Altersstufen.

Sweet Honey In The Rock – Selections 1976-1988 (1997)

Außergewöhnliche Frauen bringen außergewöhnlichen Acapella, 26. Dezember 2007

Rating: ★★★★☆
Schwarze Frauen singen zusammen feine Sachen: Sweet Honey In The Rock ist eine Gruppe von schwarzen Frauen, die seit über 30 Jahren Acapella singen. Mit klarem Bekenntnis zu den afroamerikanischen Wurzeln (geräuschhafte Sounds, Hecheln, Bellen, Juchzen markieren den Rhythmus) mit schönen Stimmen, die durch die große Besetzung an Fülle gewinnen. Und mit Texten, die kein Hörer je vergessen wird:

Mit ironischem Zwinkern schmachten die Damen „In The Upper Room“ – da wohnt nämlich Jesus. Sie singen über Kinder, saufende Männer, misslungene Demonstrationen und alles, was die bürgerrechtsbewegte schwarze Frau so bewegt. Und durch den freien Rhythmus und entspannten Vortrag der Sängerinnen groovt dieser Chor zum Steinerweichen schön. Diese Kombination von intellektuellem Anspruch (dies ist die Acapella Gruppe mit den meisten Doktorinnen und Professorinnen auf der Welt), Witz und schönem Gesang kommt gut an, wenn man sich auf den gemächlichen Musikstil einlässt.

Mit diesem erzählenden, entspannten Gesangsstil sind die Damen einzigartig. Der Sampler bietet einen guten Überblick über die ersten acht Alben der Gruppe, deren Besetzung häufig wechselte. Durch die unterschiedlichen Stimmen kommt zusätzlich Abwechslung in die Stücke. Einige Damen haben gaaanz tiefe Stimmen, andere bellen und hecheln wie die jungen Hunde – eigenartig, interessant!

Das Booklet ist wunderbar ausführlich und stellt alle Bandmitglieder dieser Zeit ausführlich dar. Eine gelungene Zusammenstellung und perfekt für alle, die nicht gleich 20+ Alben kaufen wollen von dieser in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Gruppe.

Die Neville Brothers im Klangrausch von Daniel Lanois

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Rating: ★★★★★

Die Neville-Brothers mixen Reggae, Funk, R&B und Soul zu einer interessanten abwechslungsreichen Mixtur. Gekonnter Gesang, ob nun einstimmig wie in dem unglaublichen „Yellow Moon“ von Aaron Neville mit seiner hohen weichen Stimmer oder als Satzgesang – es klingt immer ebenso elegant wie urwüchsig.

Zu einem Ausnahmealbum wird dies aber erst durch die überragende Produktion von Daniel Lanois mit Hilfe seines alten Mitstreiters Brian Eno: Wie hier ein wunderbar durchsichtiger, angenehmer Sound mit ausgefallenen Delay- und Halleffekten kombiniert wird, wie die Gesangsstimmen und einsam wehendes Saxophon per Hallfahne auch in den Rhythmus eingebunden werden – das hört sich einfach unglaublich an und ist einfach ein perfekter Mix. Ausschließlich mit analogem Equipment aufgenommen, ist dies eine Klangperle ohnegleichen. So und nicht anders wünscht man sich viele andere Produktionen.

Zwei sehr gute Sänger mit einem Weichspüleralbum

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Rating: ★★½☆☆

Robert Plant und Alison Krauss können gut, nein sehr gut singen und haben als Interpreten das kleine Fitzelchen Style, das aus einer schönen Stimme einen guten Sänger macht. So war ich sehr gespannt auf das Album Raising Sand, wurde aber leider heftig enttäuscht. Eine grauenhaft weichgespülte Produktion mit dumpfem, matschigem Sound. Das kling, als wollte der Produzent eine Gruppe Hörgeschädigter nicht aus dem Schlaf wecken. 

Langsame, dumpf abgemischte Tracks mit dröhnigen Bässen untermalen eine sehr abwechslungsreiche Mischung aus modernen Songs (Tom Waits u.a.), die von den Sängern  verhalten, vorsichtig und mit viel Ausdruck dargeboten werden. Da wurde der Sound dem Zeitgeist geopfert. Der Produzent T-Bone Burnett sollte sich eventuell mal bei Interpreten wie Jennifer Warnes oder Rickie Lee Jones umsehen, wie schöne Stimmen richtig in’s Licht gesetzt werden. So aber: Uninteressanter Weichspülpop für Freunde der Hintergrundmusik.

Uninteressanter Sampler ohne Yazoo mit grauenhaftem Sound

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Rating: ★★☆☆☆

Alison Moyet hatte unzweifelhaft mit Yazoo und Vincent Clarke ihre große Zeit. Aber was kam in den 10 Jahren danach? Leider nicht viel Gutes.

Eine sehr umfangreiche Zusammenstellung von Songs der britischen Soul-Röhre, die aus nachvollziehbaren Copyright-Gründen den Schwerpunkt aber ganz klar auf den späteren Soloalben der Künstlerin bei Sony hat. Und diese Titel sind leider (unabhängig vom kommerziellen Erfolg) unterdurchschnittlich. Eine völlig beliebig wirkende Zusammenstellung von Synthiepop-Stücken unterschiedlicher Produzenten, im typischen 80er „Digital-Sägesound“ mit starker Kompression nervtötend abgemischt und Moyet singt dazu auf eine wirklich ermüdende, eintönige Art. Immer volle Pulle, ohne jede Nuancierung oder Abstufung – klingt wie „Hauptsache laut mit Synthiebegleitung“. Offenbar war nur der stille Klangtüftler Clarke in der Lage, die Sängerin in wirklich abwechslungsreichen Synthiepop einzubinden und dafür zu sorgen, dass Moyet auch mal leisere Töne anschlägt. Und so ist es bezeichnend, dass das gesanglich beste Stück Moyets „Ode To Boy“ nicht auf dem Sampler enthalten ist.

Fazit: Entbehrlich! Die wenigen guten Titel von Yazoo lohnen die Anschaffung nicht.

Donnernde Bläser, Wucht und Traurigkeit

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Rating: ★★★★☆

Joe Jackson hatte nach seinem gefeierten Album „Night And Day“ hier ein ganz minimalistisches Konzept versucht. One-Take mit Bläsern, Drums und Band in einer alten Turnhalle, aufgenommen mit wenigen von der Decke hängenden Mikros. – Gelungen!

Es geht los mit krachenden Drums und Bläsern in „The Verdict“ so fett, wie ich vorher noch nie und seitdem selten Bläser gehört habe (die Holzwände des Aufnahmeraums tun dem Sound gut). Dramatisch werden Schuld und Sühne abgehandelt, danach geht es weiter mit einem ironischen, verhaltenen, fast gespenstisch dünn instrumentierten „Cha Cha“, der trotzdem viel südamerikanisches Flair hat. „Not Here, Not Now“ eine todtraurige Ballade zur stimmungsvollen Untermalung durch eine billige Rhythmbox wird von dem extrem funkigen „You Can’t Get What You Want“ abgelöst. Hier kann die glänzend aufgelegte Band mit Vinnie Colaiuta (dr) und Graham Maby (bg) so richtig fetzen. Tolles Gitarrensolo im BeBop-Stil und danach gleich das stampfende, von knallenden Drumschlägen in ein geradezu zwanghaftes Korsett gezwängte „Go For It“ mit wilden unisono spielenden Bläsern.

Danach wird es dann etwas flacher, bis das ironisch-traurige „Be My Number Two“ für mich jedenfalls das Album beschließt.

Joe Jackson hat nicht umsonst jahrelang die musikalische Schulbank im Konservatorium gedrückt. Nach dem Flirt mit Punk (Look Sharp) und Swing/Punk (Jumpin’Jive) und dem großen Rundumschlag von „Night And Day“ sollte es hier großes Drama werden und dicker Sound. Beides gelungen. Und möge sich bitte niemand beklagen über die teilweise spürbare kalte Perfektion des Albums. Joe Jackson ist nie herzlich gewesen in seiner Musik.

Dies ist artifizieller Pop auf höchstem Niveau. Und auch wer nur mal seine Stereoanlage testen will, kann dies mit „Body And Soul“ mit viel musikalischer Freude tun.

The Three Pickers – Doc Watson, Earl Scruggs, Ricky Scaggs

3 ältere Männer mit Saiteninstrumenten und das live,

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Rating: ★★★☆☆

Ältere Männer mit Saiteninstrumenten: Ricky Skaggs (* 1954) ist der Jüngste an Gitarre und Mandoline mit nur 45 Jahren Erfahrung als Musiker; der legendäre Earl Scruggs (*1924) am Banjo und der nicht minder legendäre Doc Watson (* 1923) an der Gitarre spielen ganz entspannt mit einigen Gästen ein Live-Konzert nur mit traditioneller Bluegrass-Musik.

Längere Ansagen wechseln sich ab mit zum Teil rasend schnellen, manchmal auch überragend schön gesungenen Folk- und Countrynummern. So jugendlich frisch und rasant ist das meist, dass es einen vom Hocker reißt. Höhepunkte des Konzerts sind die Titel mit der famosen Alison Krauss (Stimme und Geige). „The Storms are On The Ocean“ und vor allem das fantastisch Acapella eingesungene „Down To The River And Pray“ verströmen auch durch den Kontrast der etwas belegten Stimmen der älteren Männer mit dem unaufdringlich schönen Sopran von Krauss eine solche Wärme und Leidenschaft, wie es nur in einem gelungenen Live-Gig möglich ist. Das Publikum geht richtig mit, es kommt zu einem abwechslungsreichen Miteinander von Künstlern und Publikum, das ein gutes Live-Konzert auszeichnet.

Und für die Freunde virtuoser Saitenmusik ist das Album auch ein Muss: Earl Scruggs hat die amtlichen Schulbücher für Banjo geschrieben und spielt so abwechslungsreich und tricky wie ein junger Gott. Ricky Scaggs steht dem in nichts nach. Und wie Doc Watson mit angenehm fließenden Läufen auch in höchstem Tempo für die Begleitung sorgt – einmalig.

Das Album ist auch als DVD mit dem gesamten Bildmaterial erhältlich – ein außergewöhnliches Konzert.

Aztec Camera – rasante Gitarren und etwas Melancholie

Rating: ★★★★★

Dieses Album erschien 1983 und ließ mich bis heute nie los. Ein überragendes Pop-Album, zeitlos, elegant und mit viel Stimmung. Roddy Frame, der Mastermind und Singer Songwriter präsentiert hier mit seiner Band melancholischen Folk-Pop mit teilweise sehr extravaganten Gitarrenparts.

Schon der rasante Opener „Oblivious“ zeigt, wo es langgeht: Vertrackte Rhythmen und Harmonieren zu sehr eingängigen und poppigen Melodien, die mit fast traurigem Gesang kombiniert werden.

Roddy Frame ist ein ganz origineller Gitarrist. Ohne große Soundspielereien, dafür aber mit viel Druck und reich an Abwechslungen spielt er wie eine Mischung aus Joe Pass und Stevie Ray Vaughan. Und die Songs haben wirklich große Klasse: „Walk Out To Winter“ überzeugt mit einer bestechenden Hookline und rasantem Zusammenspiel der Band. Ähnlich kommt das melancholische „We Could Send Letters“ daher. In „Release“ driftet Frame sehr gekonnt in feinste Melancholie zur gepflegten Gitarrenbegleitung ab, um bald danach mit dem hymnischen „Back On Board“ das Album drei Songs vor Ende abzuschließen.

Ein Album mit sehr viel Langzeitwert durch die rauen, unverwechselbaren und vertrackten Songs.

Lowell George summt aus dem Grab "Roll Um Easy"

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Rating: ★★★½☆
Lowell George, der „Admiral“ und Sänger der grandiosen Band „Little Feat“ starb 1979. Fast 20 Jahre später machten sich 1998 mit diesem Tribute-Album einige Hardcore-Fans aus dem Umfeld von George und Little Feat daran, die Songs von George neu aufzunehmen. George ist für mich bis heute der mit Abstand kreativste, abwechslungsreichste und intelligenteste Songwriter im Grenzbereich zwischen Rock, Country und Folk. Da hätte es sich doch angeboten, einige der bekannteren und zutiefst originellen Hits von George wie die Fernfahrer Hymne „Willin“ oder den rasanten „Dixie Chicken“ zu covern und gut wäre es gewesen. Weit gefehlt! Dies ist ein Projekt von Hardcore-Fans. So leicht wollte es sich niemand machen.

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Herbie Hancock macht's mit Joni Mitchell

Joni Mitchell als Inspiration und ultra-cooler Kammerjazz
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Rating: ★★★★½

Herbie Hancock ist als Musiker dann am überzeugendsten, wenn er es richtig krachen lässt (wie auf seinem tollen Frühwerk „Headhunters“) oder wenn er seine Fähigkeit zu sparsamstem, kühlen Pianospiel richtig kultiviert. Hier gelingt ihm Letzteres wunderbar – kein Joni-Mitchell Coveralbum (dazu sind die Stücke vielfach zu weit von den Originalen entfernt), aber auch keine einfallslose Hommage. Weiterlesen

Bonnie Raitt And Friends (2006)

Bonnie Raitt & Friends – am besten sind die Duette

Bonnie Raitt and Friends (CD+DVD

Rating: ★★★★☆

George Michael, Norah Jones und Bonnie Raitt haben wenig gemeinsam. Aber alle sind im Duett mit geeigneten Partnern überragend. Raitt hat bei diesem Konzert kurz nach Ihrer Studio-LP „Souls Alike“ ein sehr gutes Händchen mit Ihren Duetten gehabt.

Es beginnt mit der äußerlich unauffälligen Alison Krauss, die mit ihrem feinen Satzgesang und einer sehr gefühlvoll gespielten Fiddle zeigt, warum sie heute zu den Superstars des modern Country gehört. In „You“ finden beide diesen schmalen Grat zwischen sensibler Ballade und Schnulze so gekonnt, dass es mich zu Tränen rührte.

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Yazoo – You And Me Both (1983)

Highlight vom Mozart der Synthies Vince Clarke und der großen Alison Moyet


Rating: ★★★★★

Ein herausragendes Album in der Sparte Pop/Elektronik der 80er Jahre, die wirklich nicht arm waren an Duo-Projekten dieser Art. Nicht nur eine Folge von Hits, sondern sehr anspruchsvolle und streng durchkomponierte und extrem fantasievolle Musik von Vincent Clarke, der die damals noch recht beschränkten Möglichkeiten der Elektronik voll ausreizte und in einem Interview bekannte, niemals dasselbe Pattern (eine kleine abgespeicherte Phrase) zwei Mal zu verwenden – das hört man:

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Randy Newman – Sail Away (1972)

Randy Newman, der intellektuelle Zickendraht zeigt es Allen,

Rating: ★★★★★

…. mit diesem ungewöhnlichen Studioalbum aus dem Jahr 1972: Vertrackte, bösartige Texte, die sich keinesfalls um Liebe oder ähnlich einfache Dinge drehen dürften. Satire, bösartige Ironie und Bitternis verpackt in kleine kunstvolle Pop-Opern.

„Sail Away“ beispielsweise trieft geradezu vor süßlicher Musikromantik und handelt doch nur Sklavenhandel und Vietnamkrieg ab. Ebenso bösartig und gewollt naiv klagt der Künstler über die Höhe des Startums („Lonely At The Top“) und ganz am Ende kommt mit „You Can Leave Your Hat On“ einer der treibendsten, sexiesten und spannendsten langsamen Rocksongs aller Zeiten. Newman gebraucht diese fantastische Musik eigentlich nur dazu, ein seltsames Beziehungsspiel darzustellen. Und doch wurde dieser überragende Song in der lahmen Interpretation von Joe Cocker (der ja nichts von Ironie versteht) ein Welthit und seitdem auf jeder einschlägigen Veranstaltung gespielt.

Dieses Album ist völlig zeitlos und geradezu ein Klassiker der anspruchsvollen Rockmusik.

Bonnie Raitt – Nick Of Time (1989)

Das völlig zeitlose und gekonnte Durchbruch-Album von Bonnie Raitt,

Bonnie Raitt - Nick Of Time (1989)

Nick of Time

Rating: ★★★★★

… war Grund für einen Grammy Gewinn und zugleich das Ende einer langen kommerziellen Durststrecke für Raitt.

Der Titelsong, eine nachdenkliche schnelle Ballade über’s Älterwerden mit eleganten Gitarren und dezent gemachten Keyboards zeigt schon, wo es lang geht: Nicht nur reiner 12-Takt Blues, sondern von Produzent Don Was unauffällig glatt geschliffener R&B, wobei Raitt ihre schöne Stimme und ihr effektvoll-laszives Slidegitarrenspiel in ein Gerüst aus filigranen Keyboards und Gitarren einbindet.

„Thing Called Love“ ein Song von John Hiatt wird mit einem interessant schüttelnden Rhythmus von akustischen Gitarren zu schweren Drums fast schon besser als das Original. Immer bleibt es geschmackvoll, dabei voll radiotauglich. Und wenn Raitt im 10. Titel zum unterkühlten Piano von Herbie Hancock eine herzergreifende Ballade singt („I Ain’t Gonna Let You Break“), dann ist das ungewohnt, gelungen und magisch. Ein Ausnahmealbum. Das (wie bei Raitt kaum anders zu erwarten) mit einem virtuosen 12-Takt Blues versöhnlich abschließt.

John Hiatt – Perfectly Good Guitar (1993)

Kommerziell – krachende Gitarren, aber am besten sind die Balladen,

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Rating: ★★★½☆

Dies war 1993 fast 10 Jahre das letzte von Hiatt’s guten Alben – ein Run, der mit Bring The Family begann. Wie der Titel und das Cover schon verraten hören wir einige krachende Gitarren, viel Feedback und einen fetten Bass zu Songs, nur die jeder für sich unterschiedliche stilistische Vorbilder (in Klammern) und viel Gitarre gemeinsam haben:

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John Hiatt – Slow Turning (1988)

Erlesene Mischung aus Rock, Country und überirdischem Songwriting,

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Rating: ★★★★½

John Hiatt hat jahrelang davon gelebt, dass Andere seine Songs verwendeten. Dann kam sein Ausnahmealbum „Bring The Family“. Und kurz danach diese ebenfalls sehr gelungene Mischung aus bösartigen kleinen Rocknummern wie „Tennessee Plates“, gemeinen akustischen Balladen wie „Trudy and Dave“ und überragend gefühligen Torch-Songs wie „Feels Like Rain“.

Noch etwas leichtfüßiger als „Bring The Family“, weniger Blues und eher mit etwas Country-Einschlag ist dies ein weiteres herausragendes Album Hiatts. Und die Gitarrenarbeit von Bandmitglied Sonny Landreth reißt einen wirklich vom Hocker.

John Hiatt lässt mich mit seinen Alben seit Jahren nicht los. Einen so vielseitigen und spannenden Singer/Songwriter gibt es wirklich nicht oft.

Nick Lowe – At My Age (2007)

Der britische Punkrocker macht amerikanischen Countryrock,

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Rating: ★★★½☆

Nick Lowe ist britisch bis in die Sohlen. Er kokettiert mit seinem Alter von knapp 60 Jahren und liefert ein komplettes Album mit entspannten Liebesliedern ab, die alle nach akustischem Country-Rock klingen und sich fast ausnahmslos um Frauen und Liebe drehen. Langweilig? Altbacken? Keineswegs!

Als erfahrener Produzent und legendärer Bassist weiß Lowe ganz genau, wie diese Mixtur aus traditioneller amerikanischer Musik und abgegrasten Themen durch Ironie, etwas Punk-Attitüde und handwerklich hervorragende Musik am Kochen gehalten werden kann. Und schafft das so gut und gegen jeden Zeitgeist, dass wir dieses Album immer wieder hören. Wie der wesentlich jüngere Richard Hawley schafft sich Lowe mit sehr britischer Zurückhaltung eine eigene kleine Musikinsel und grinst von dort auf den Rest der mühsam sich abstrampelnden Zeitgeistmusiker. Speziell. Gut!

Jennifer Warnes – Hunter (1993)

Traumhafte Stimme, großartiger Sound und bunt gemischtes Songmaterial,
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Rating: ★★★★½

Jennifer Warnes ist eine dieser ganz großen Sängerinnen, die mit ihrer Stimme fast Alles können: Säuseln, raunen, schluchzen aber auch strahlend laut und hoch druckvoll singen. Sie wurde berühmt durch ihre Arbeiten für Hollywood-Filme („Up Where We Belong“ mit Joe Cocker verkaufte Platin und brachte den Oscar) und veröffentlichte im Verlaufe ihrer 40jährigen Karriere relativ wenige eigene Alben.

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John Hiatt – Crossing Muddy Waters

Akustischer Hiatt – klassische Folk-Dramen zur Mandoline,

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Rating: ★★★☆☆

John Hiatt legt hier ein rein akustisches Album vor, bei dem die Mandoline und viele akustische Gitarren das bestimmende Begleitinstrument sind. Das passt sehr gut zu der rauen tiefen Stimme von Hiatt und den kratzigen garstigen kleinen Songs, die sich meist um enttäuschte Liebe drehen. Wohl inspiriert durch die hellen, manchmal fast folkloristisch anmutenden Begleitinstrumente verkneift sich Hiatt auch beim Singen die hohen Töne und klingt daher sehr entspannt und relaxt, wie etwa später auf seinem Album „Master Of Disaster“.

Zwar erreicht das Album nicht die Größe und Wucht von „Slow Turning“ oder „Bring On The Family“ – doch die Qualität des Songwriting und die fast archaische musikalische Präsentation überzeugen. Ein entspanntes Album eines großartigen Songwriters, das man immer wieder hören wird.

Richard Hawley – Ladie's Bridge (2007)

Der Roy Orbison von Sheffield liefert klassische Pop-Perlen ab,Lady'S Bridge

Lady’S Bridge

Rating: ★★★★½

Richard Hawley setzt hier seine Folge von gitarrenorentierten Alben mit klassischen Popsongs fort. Das hört sich ähnlich wie bei seinem Vorgängeralbum „Cole’s Corner“ elegant an und klingt sehr nach einer langsamen Version von Roddy Frame und Aztec Camera. Mit der typisch britischen Melancholie und dem kühlen und sonoren Gesang seiner vollen Baritonstimme erinnert Hawley auch an Terry Hall, den großen alten Mann des englischen Popsongs.

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Paul Butterfield Blues Band (1965)

Meilenstein des „Großstadtblues“ und virtuose Vorlage für jede Bluesband,
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Rating: ★★★★★

Die Paul Butterfield Blues Band aus Chicago spielte mit diesem Album vor 42 Jahren (!) einen Meilenstein des Blues-Rock ein und lieferte damit eine Vorlage für unzählige spätere Bands von den Blues Brothers über Clapton, Yardbirds bis hin zu zahllosen Kneipenmuckern, welche die genialen Riffs von Mike Bloomfield an der Gitarre und die harte, präzise Rhythmusarbeit zum Teil 1:1 heute noch kopieren.

Der moderne, klare Sound von Telecaster und Mundharmonika, die sparsamen und treibenden Drums, der beseelte Gesang von Paul Butterfield und über allem eine Mundharmonika vor dem Herren – eine so exzellente Band hört man immer wieder gern. Eine gelungene Zusammenstellung von Eigenkompositionen von Butterfield/Bloomfield und bekannte Titel wie „Mojo Working“ u.a. von bekannten Blues Interpreten wird so treibend und mit so viel Virtuosität eingespielt, dass es trotz des historischen, etwas höhenarmen Sounds die helle Freude ist. Ein Muss für jede Sammlung. Und klingt besser als 90 % der späteren Bands in diesem Bereich.

Annett Louisan – Boheme (2005)

Ausgefuchstes Album einer samtigen Kindchenstimme mit tollen Texten,

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Rating: ★★★☆☆

Die Sängerin mit der Stimme wie aus der schwülen Werbung für einen Weichspüler: Samtig, kindlich und dabei immer kontrolliert. Leider fehlen Annett Louisan die kernigen Töne, welche für raue Songs oder Chanson zwingend notwendig sind. Dennoch: Sie kann toll singen, klingt nie bemüht oder peinlich (gute Intonation und Zwerchfellstütze machen’s möglich) und hat einen großen Wiedererkennungswert.

Bemerkenswert die gute Produktion: Nur wenige, sehr abwechslungsreich eingespielte Gitarren und Percussion untermalen überwiegend im 3/4 Takt den Gesang und Texte, deren Genauigkeit und Zynismus von selbst textenden Sängerinnen in deutscher Sprache regelmäßig verfehlt werden. Das hört man immer wieder und dank der Texte auch immer mit einem kleinen Schmunzeln.

David Lindley & El Rayo-X – Live (1983)

Mr. Dave ohne Plattenvertrag und mit tollen Live-Sets,
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Rating: ★★★★½

Wer wie David Lindley genial auf allen Saiteninstrumenten spielt und mit El Rayo-X eine wirklich gute Band hat, verkauft noch lange nicht viele Alben. Nachdem die herausragenden ersten beiden Alben sich nicht genug verkauften, verloren Meister und Band ihren Plattenvertrag und tourten durch diverse californische Clubs. Die zum Teil auf Compact-Cassette aufgenommenen (!) Gigs sind das Material für diese CD, die zunächst in einem kleinen Berliner Label erschien und mittlerweile nur noch als Import-CD erhältlich ist. Schade:

Druckvolle, überschäumend lustige Live-Darbietungen aus den beiden ersten Alben der Band und obskure Nummern wie „Wooly Bully“ machen beim Hören Spaß und gute Laune. Vor allem William „Smitty“ Smith mit seinem skurril dünnen Plastikorgel-Sound und die souveräne Rhythmusgruppe um Ian Wallace und Jorge Calderon machen mächtig Druck und Mr. Dave selbst sorgt für erlesenste Saitenarbeit. Mit dem ganz gut restaurierten, aber etwas dünnen Klangbild kommt das noch impulsiver rüber als auf den Studio-Alben und macht mächtig Spaß. Und für Freunde der Lap-Steel, Hawai- oder Sonstwie-Gitarren ohnehin ein Muss…

Fleetwood Mac's Gitarrist macht Akustik-Pop

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Rating: ★★★★½

Wer das reduzierte, immer klar strukturierte Gitarrenspiel und die erlesene Kompositionen von Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac nicht genau beobachtet hat, ist hier überrascht: Akustische Gitarren, absolut virtuos und ausdrucksvoll gespielt, übereinander geschichtet zu kleinen Pop-Sinfonien in der britischen Tradition von Terry Hall, Al Steward und Paul McCartney. Hier zeigt sich, dass Buckingham das melodische abwechslungsreiche und feinsinnige Gegengewicht zu der gut geölten Rhythmusmaschine Mick Fleetwood/John McVie bei Fleetwood Mac war.

Das klingt, als wäre Brian Wilson mit der Elite der britischen Pop-Musiker unterwegs gewesen, um das ultimative Pop-Gitarrenalbum einzuspielen. Einfach überragend. Ich liebe britischen Pop auf diesem Niveau. Mehr davon!

Paradise And Lunch – 30 Jahre alt und richtig perfekt

Überragendes Frühwerk des Musikforschers und Gitarristen Ry Cooder,

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Rating: ★★★★★

Ein Meilensteinalbum des großen Ry Cooder: Die Auswahl der (fremden-) Songs ist wie immer exotisch und sehr abwechslungsreich. Zwei überragend perfekt und lebendig eingespielte Traditionals (der Eisenbahn-Song „Tamp Em Up Solid“ und das gospelig-vertrackte „Jesus On The Mainline“) wechseln sich ab mit virtuosen und seelenvoll interpretierten Coverversionen, wie dem verspielten Reggae „It’s All Over Now“ von Womack/Womack.

Instrumental und musikalisch absolut brilliant: Fette Bässe (Produzent Russ Titelman spielte einen sehr groovigen E-Bass ein) auch von Bläsern (Tuba kommt gut bei Tänzen!), treibende Drums von Jim Keltner und Milt Holland und eine abwechslungsreiche, energische und im Gegensatz zu heutigen Produktionen Cooders ultra-präzise Gitarre.

Ein perfekt ausgewogenes und sehr transparentes Klangbild (Tonmeister Lee Herschberg) stellt jedes Instrument gleichwertig in den Raum. Und wie die gut aufgelegten Sänger um Bobby King und Russ Titelman den Songs Gospel- und Soul-Feeling mit auf den Weg geben – das ist eine Produktion, die auch heute noch frisch und absolut modern klingt.

Mein persönliches Highlight neben dem Opener „Tamp Em Up Solid“ ist übrigens das Cover „Ditty Wah Ditty“ am Schluss. Wie Ry Cooder hier allein mit mit dem eleganten Pianisten Earl Hines und seinen perlenden, präzisen Pianofiguren ein lustiges Nonsense-Lied zum Grooven bringt, das ist in dieser Besetzung wohl einmalig. Tolle und abwechslungsreiche Musik mit einem Sahnesound – was will man mehr?

Überragendes "Ausprobieralbum" der Van Halens,

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Rating: ★★★★½
Ich bin unter die ganz harten Partyrocker gegangen und höre Van Halen. Das wäre noch keine Meldung. Die Meldung ist: Schön ist es mit dieser Band und ihren lauten Gitarren. Kein Wunder: Zwei Brüder mit klassischer Musikausbildung, einer davon möglicherweise der abwechslungsreichste und interessanteste Rockgitarrist der Welt (zusammen mit Jeff Beck) und dann noch ein Musikstil, der über alle Genres hinweg geht, wirklich nichts auslässt und damit meinen eigenen musikalischen Vorlieben sehr entgegenkommt. Zutiefst bürgerlich wegen der technischen Schwierigkeiten und irrwitzigen Vielfalt, anspruchsvoll und immer etwas rüpelhaft – da fühle ich mich doch gleich angesprochen. Aber zum Thema:

Auf den ersten Blick ist dieses Album ein Chaos: Ganze 31 Minuten kurz, nur 5 eigene Stücke der Band und ein breiter Mix von Musikstilen: Vaudeville, Stadion-Rock, sogar Bar-Jazz wird geboten.

Die Band zeigt ihre Stärken gleich im Opener, „Where Have All The Good Times Gone“, einem Ray Davies Cover: Kompakter Sound, brutal präzise Rhythmusarbeit, witziger Gesang im „Punk-Unisono“ Stil und eine Gitarre vor dem Herren. Nach einer Speed-Rock Nummer „Hang ‚em High“, einem brillianten, musikalisch wie technisch beeindruckenden Solo „Cathedral“ Van Halen’s, an dem Johann Sebastian Bach seine Freude gehabt hätte, kommt dann ein weiteres Highlight: „Secrets“ ist ein Song mit pulsierenden Bässen, treibenden Drums und leisen feinen Power-Akkorden und klingt wie „Police“ auf Hochglanz. Nach „Intruder“, einer genialischen Feedback-/Geräusch-Orgie kommt dann mit direkter Überleitung „Pretty Woman“ von Roy Orbison in der Version, die wir immer hören wollten: Ganz kompakt, mit großartigen rhythmischen Verschiebungen. Bei „Dancin In The Street“ wird (anders als in der sehr konventionellen Version von Jagger und Bowie) der gesamte Song von einem durch Delay wiederholten Gitarrenfigur zusammen gehalten – interessant.

Mit „Little Guitars“, eingeleitet durch ein etwas bemüht virtuoses Solo auf der Konzertgitarre, werden New-Wave Anleihen durch den Hardrock-Wolf gedreht. „Big Bad Bill..“, ist reiner Vaudeville-Jazz – ein packender Song von Bix Beiderbecke, entdeckt wahrscheinlich von dem kurz vorher erschienenen Album „Jazz“ des großen Ry Cooder. Da beschränkt sich Eddie Van Halen ganz darauf, eine absolut bediente Rhythmusgitarre zu schlagen, so präzise und groovend wie ein 60jähriger Zigeunerjazzer. Und nicht ein einziges Gitarrensolo hier! Eine kleine Referenz an Cooder, dessen Gitarrenarbeit und Soli auf dem Original einfach überragend sind. David Lee Roth zeigt hier bereits, dass Vaudeville-Jazz sein Fach ist. „Happy Bug“ ist ein VHtypischen Kracher. Klingt wie Allman-Brothers auf Speed. Und das Album schließt mit einer witzigen, gelungenen kleinen Acapella-Nummer im Barbershop-Stil. Van Halen ist eben auch eine absolut amerikanische Band und da gehört Barbershop auch mal dazu.

Van Halen wollten mit diesem Album ganz offensichtlich Experimente wagen Richtung Pop und Jazz und leiten damit über zu dem überragenden Album „1984“. Gelungen! Wenn musikalisches Ausprobieren so gekonnt und interessant daher kommt, bin ich gerne dabei.

Mavis Staples und Ry Cooder – hier fehlt der Groove

Spiritualität und melancholischer Gospel – Civil Rights und Kirche,

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Rating: ★★★★☆
Wenn Gesang etwas mit Seele und Herz zu tun hat, dann ist die fast 70jährige Mavis Staples der Beweis: Traditionals wie die wunderbar kraft- und hoffnungsvoll interpretierten „We Shall Not Be Moved“ oder „Eyes On The Prize“ atmet sie förmlich aus und legt eine Kraft in ihren Gesang, die bei modernen Sängerinnen nur selten zu finden ist. Mit ihrer tiefen, manchmal richtig raunenden und röhrenden Stimme und unterstützt von großartigen Chören (Ladysmith Black Mambazo und Freedom Singers) interpretiert sie traditionelles Liedgut mit einer emotionalen Tiefe, dass dem Zuhörer buchstäblich die Tränen kommen. Sie erinnert in ihren kurzen eigenen Zeilen daran, was die Bürgerrechtsbewegung erreicht hat (und was nicht) – „In My Eyes“.

War das 2004 erschienene Album „Have A Little Faith“ von Staples eine Art Comeback und Meilenstein mit seinen luftigen Arrangements und seinem rockigen Soul-Feeling, so werden diesmal noch erdigere Töne angeschlagen.

Die von Ry Cooder mit Drummer Jim Keltner und seinem Sohn Joachim produzierte Begleitung wird jedoch der Tiefe und Phrasierungskunst von Staples nicht immer gerecht. Drums und Percussion holpern (an Jim Keltner liegt das erfahrungsgemäß nicht), die viel zur Begleitung verwendete Slidegitarre von Cooder ist zu laut, schneidend, mittig und passt nicht immer zum jeweiligen Song. Und einer der Höhepunkte des Albums „Jesus On The Mainline“ gerät trotz der fantastischen Interpretation der Sänger teilweise völlig aus den Fugen. Das Schlagwerk holpert und die Gitarre wirkt gegenüber dem lockeren und freien Rhythmus der Sänger statisch und deplaziert. Das hat Ry Cooder auf seinem Frühwerk „Paradise And Lunch“ und vor allem auf seinem nicht als CD erhältlichen Live-Album von 1988 mit Willie Greene und Co. wesentlich intensiver und vor allem groovender hinbekommen. So wird leider die Intensität und Tiefe von Mavis Staples durch eine etwas holprige Produktion geschmälert. Trotzdem: Ein weiteres Ausnahmealbum der großartig singenden „Bürgerrechts-Oma“!

Mavis Staples ist eine Überraschung

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Rating: ★★★★☆

Mavis Staples hat diese extrem tiefe Altstimme, fast wie ein männlicher Bariton. Sie singt von Glaube, Hoffnung, Respekt und kann nie leugnen, dass die Staples Singers ihre Wurzeln in der Bürgerrechtsbewegung hatten. Ihre Stimme ist nicht gewaltig wie die von Aretha Franklin, sondern lebt von Ausdruck und Phrasierung. Ein bewegendes Erlebnis, diese fast 70jährige Sängerin zu hören.

Noch besser an diesem Album sind die Grooves: Fette, schwere Rhythmen, die direkt aus der Soundkiste alter Soulplatten von Stax und Motown zu kommen scheinen. Feine akustische Gitarren, grollender Bass, altmodisch funkig kracht das Fender-Rhodes und selbst Hammond-Orgel, Mundharmonika und sparsame Percussions lassen der Musik viel Raum zum Atmen und das Ganze geht richtig ab. Ein feiner, transparenter Sound krönt die wohl beste R & B Produktion der letzten Jahre.

Feine Harmonien mit Zuckerguss – sehr gleichmäßig,

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Rating: ★★½☆☆

Vielleicht war Orange Crate Art ein Versuch, den in einem langen dunklen Tunnel verschollenen Mastermind der Beach Boys wieder zur Musik zu bringen. Brian Wilson singt und Van Dyke Parks, der genialische Soundtüftler komponiert die glatten Pop-Harmonien. Wie hier 4 – 6 Stimmen geführt und zu immer neuen harmonischen Wendungen verwandelt werden, das erinnert an die zauberhaften Songs der Beach Boys und ist gutes Pop-Handwerk. Review bei Amazon.

Jim Keltner und Charlie Watts – interessante Trommelei,

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Rating: ★★★½☆
Charlie Watts kennt jeder. Er ist der Drummer der Stones und als solcher berüchtigt, weil die Stones diese etwas hmmmm…. eigenwillige Rhythmusarbeit haben. Jim Keltner kennt fast niemand, obwohl er seit 40 Jahren hunderte von hervorragenden Platten mit seinen ebenso s/zwingenden wie lockeren Grooves versorgt. Von den Stones über Bob Dylan, Los Lobos, Rickie Lee Jones bis zum Modern Country.

Und wenn zwei so unterschiedliche Drummer zusammen eine Drumplatte The Charlie Watts Jim Keltner Project machen, dann ist das einfach spannend. Und gefallen hat es mir auch. Review bei Amazon.

Supertramp gefällt mir erst heute


Rating: ★★★★☆

In den 80er mochte ich Supertramp nie, weil jeder diese Musik hörte (und ich Blues mehr mochte). Heute zeigt dieser Sampler, dass dies eine sehr professionelle Band war, die durch guten Gesang, die charakteristischen Stakkato-Figuren des Keyboarders und vor allem einen tollen, durchsichtigen, luftigen Sound auffällt.

Aus einer Zeit, als die meisten Pop-Produktionen mit Kompressor zusammengematscht und auf Radio getrimmt wurden (Beispiel: „Let’s Dance“ von David Bowie), haben wir hier eine Klangperle: Interessante Hallräume, verspielte Echoeffekte, krachendes E-Piano, nette Hintergrundgeräusche („School“), donnernde Drums und einen Sänger, dem man von den Lippen lesen kann. Und die Lieder haben durchaus Substanz. Vergleichbar mit Abba sind die Hooklines unglaublich eingängig, jeder Song hat sein Gesicht und die Texte sind auch nicht schlecht. Der Song „Hide In Your Shell“ zum Beispiel ist ein absolut klassischer, toller Pop-Song vergleichbar mit „Yesterday“.

Da stört es mich persönlich kein bisschen, dass dies vielleicht nicht der oberamtliche und repräsentative Überblick über das Gesamtwerk der Band ist.

Van Halen – Diver Down (1982)

Überragendes „Ausprobieralbum“ der Van Halens, 17. Juni 2007

Rating: ★★★½☆

Auf den ersten Blick ist dieses Album ein Chaos: Ganze 31 Minuten kurz, nur 5 eigene Stücke der Band und ein breiter Mix von Musikstilen: Vaudeville, Stadion-Rock, sogar Bar-Jazz wird geboten.

Die Band zeigt ihre Stärken gleich im Opener, „Where Have All The Good Times Gone“, einem Ray Davies Cover: Kompakter Sound, brutal präzise Rhythmusarbeit, witziger Gesang im „Punk-Unisono“ Stil und eine Gitarre vor dem Herren. Nach einer Speed-Rock Nummer „Hang ‚em High“, einem brillianten, musikalisch wie technisch beeindruckenden Solo „Cathedral“ Van Halen’s, an dem Johann Sebastian Bach seine Freude gehabt hätte, kommt dann ein weiteres Highlight: „Secrets“ ist ein Song mit pulsierenden Bässen, treibenden Drums und leisen feinen Power-Akkorden und klingt wie „Police“ auf Hochglanz. Nach „Intruder“, einer genialischen Feedback-/Geräusch-Orgie kommt dann mit direkter Überleitung „Pretty Woman“ von Roy Orbison in der Version, die wir immer hören wollten: Ganz kompakt, mit großartigen rhythmischen Verschiebungen. Bei „Dancin In The Street“ wird (anders als in der sehr konventionellen Version von Jagger und Bowie) der gesamte Song von einem durch Delay wiederholten Gitarrenfigur zusammen gehalten – interessant.

Mit „Little Guitars“, eingeleitet durch ein etwas bemüht virtuoses Solo auf der Konzertgitarre, werden New-Wave Anleihen durch den Hardrock-Wolf gedreht. „Big Bad Bill..“, ist reiner Vaudeville-Jazz – ein packender Song von Bix Beiderbecke, entdeckt wahrscheinlich von dem kurz vorher erschienenen Album „Jazz“ des großen Ry Cooder. Da beschränkt sich Eddie Van Halen ganz darauf, eine absolut bediente Rhythmusgitarre zu schlagen, so präzise und groovend wie ein 60jähriger Zigeunerjazzer. Und nicht ein einziges Gitarrensolo hier! Eine kleine Referenz an Cooder, dessen Gitarrenarbeit und Soli auf dem Original einfach überragend sind. David Lee Roth zeigt hier bereits, dass Vaudeville-Jazz sein Fach ist. „Happy Bug“ ist ein VHtypischen Kracher. Klingt wie Allman-Brothers auf Speed. Und das Album schließt mit einer witzigen, gelungenen kleinen Acapella-Nummer im Barbershop-Stil. Van Halen ist eben auch eine absolut amerikanische Band und da gehört Barbershop auch mal dazu.

Van Halen wollten mit diesem Album ganz offensichtlich Experimente wagen Richtung Pop und Jazz und leiten damit über zu dem überragenden Album „1984“. Gelungen! Wenn musikalisches Ausprobieren so gekonnt und interessant daher kommt, bin ich gerne dabei.

George Michael verabschiedet das 20. Jahrhundert

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Rating: ★★★★☆

George Michael ist jenseits der Skandale und der schnellen Hits ein ganz hervorragender Sänger, was er hier gut zeigen kann: Schwierige bis schwierigste Arrangements von Songs, die zum Teil sehr bekannt sind. Und der Sänger phrasiert mit der ihm eigenen Glätte, aber immer druckvoll und sehr gekonnt. Auch ist jedes Detail des Textes zu verstehen; eine gekonnteArtikulation ist eben auch hilfreich für den Hörer. Da können sich 95 % aller männlichen und weiblichen Pop-Sternchen eine Scheibe abschneiden. Ich denke da zum Beispiel an den völlig verunglückten Swing-Versuch von Robbie Williams….

Eine wirklich gediegene Auswahl der Songs, Unbekanntes und große, abgenudelte Hits werden gekonnt gemischt. Jede Interpretation bekommt einen eigenen Touch und hört sich ungewohnt, interessant und stimmig an.

Und vor allem: Geniale Orchesterarragements und ein unglaublich transparenter, durchhörbarer und fetter Orchestersound – dieses Album ist eine audiophile Perle, Phil Ramone dem Produzenten sei Dank dafür. Warum nicht 5 Sternchen? Ganz einfach: Kein eigener Song dabei. Dies ist ein y2k (Jahr 2000) Album. Und besser, geschmackvoller und interessanter geht das kaum zu machen.