Térez Montcalm – Connection (2009)

Die Sängerin mit der kratzigen Stimme kann Cover

Térez Montcalm ist die Sängerin mit der leisen kratzigen Stimme, die beim Singen gar viel Geräusche (Gurren, Knurren, Juchzen …) macht und (finde ich) recht gut Gitarre spielt. Ihre große Stärke sind ganz eigentümliche und einfühlsame Interpretationen bekannter und unbekannter Songs von Anderen, die sie durch ihren interessanten Gesangstil und anspruchsvolle Interpretation spannend und neuartig zu Gehör bringt.

Auf Ihrem schon 5. Album aus dem Jahr 2009 bleibt Montcalm diesem Rezept treu. Produziert und einfühlsam begleitet von dem Gitarristen Michel Cusson und Gastmusikern (hervorzuheben der atemberaubend musikalische und wilde Jazzgeiger Jan Luc Ponty bei „Le Requien Danse“, einer Eigenkomposition Montcalms) hebt Montcalm ihre Songs stilübergreifend und sehr abwechslungsreich auf das Podest. Immer spürt sie die Besonderheit eines Liedes auf (bei dem U2-Gassenhauer „Where The Streets Have No Name“ beispielsweise das vertrackte Versmaß und den originellen Rhythmus), immer findet sie (wie bei dem Chanson „C’est Magnifique“ von Cole Porter) eine eigene Musiksprache. Porters Lied zum Beispiel wird von Montcalm gedehnt, das „LaLaLaLa“ fast absurd langsam gegurgelt; der Song hört sich auf einmal ironisch und komödiantisch an und passt. Wenn Montcalm den Gassenhauer „My Baby Just Cares“ anstimmt, dann nimmt sie zwar ein echtes Swing-Tempo (und der Song groovt auch hier wie Hölle). Aber sie zerkaut und raunt die schwüle Schilderung ihres Mannes so verhalten, dass es nicht nur originell, sondern auch angemessen sexy klingt wie es sich für eine richtige femme fatale gehört. Nie klingt es wie nachgesungen oder wie eine lahme Interpretation eines guten Songs. Ebenso wie ihr Album Voodoo aus dem Jahr 2006 ist dies ein ebenso musikalisches wie unterhaltsames Album einer sehr interessanten Musikerin. Unbedingt empfehlenswert.
Rating: ★★★★☆

Nanci Griffith, One Fair Summer Evening (1998)

Nanci Griffith live – CountryFolkPop einer schönen Stimme

Nanci Griffith veröffentlichte schon 1978 ihr erstes Album und ist mit einer brillianten Singstimme gesegnet, die ihren Gesang durch den Druck und die sanfte Härte geradezu zwangsläufig in die Nähe des Country rückt. Und sie ist eine sehr aktive und überzeugende Songwriterin, deren Songs wie „Love At The Five And Dime“ durch lebensnahe Bilder und Poesie sowie cleveres Songwriting überzeugen. Der ganz große kommerzielle Erfolg blieb ihr wohl nur versagt, weil ihre Alben mit Ausflügen in Pop und Folk schlicht und einfach in kein Formatradio passen und damit bei den „normalen“ Countryhörern nicht ankommen.

Auf diesem 1998 entstandenen Live-Album bringt sie neben einigen eigenen Songs auch interessantes Fremdmaterial. Ihre leise und nachdenkliche Interpretation der Ballade „From A Distance“ ist ebenso überzeugend wie der Opener „Once in a very blue moon“ – Titelsong ihres Albums von 1984. Es wird nie kitschig, nie langweilig und immer wieder faszinierend der Unterschied zwischen Sprech- und Singstimme: Leise und fast quiekig die Ansagen und voll, getragen und durchdringend der Gesang. Griffith begleitet sich (wie ich finde sehr geschmackvoll und gekonnt) selbst auf der Gitarre mit einer sehr umsichtig-zurückhaltenden Band – ein wunderbares Live-Album und zugleich ein guter Einstieg in das Werk dieser völlig unterschätzten Künstlerin.

Provinzposse und Steckdosenleiste für Julius Leber

Kohlenhandlung Leber (einer der Entwürfe)
An der Torgauer Straße 24-25 hatte die SPD-Ikone Julius Leber, einer der wichtigsten Protagonisten des sozialdemokratischen Widerstandes gegen das Naziregime, eine Kohlenhandlung. Dort wurde u.a. das Attentat auf Hitler geplant. Die Kohlenhandlung wurde nach Lebers Hinrichtung von seiner Witwe weiter betrieben, zuletzt in einer Baracke,  die heute noch auf dem Gelände gegenüber der Leberstraße steht. Und diese Baracke muss bekanntlich weg: Die Grünverbindung zwischen Cheruskerpark und Südgelände braucht Platz.
„Ein Ort würdigen Gedenkens“ für Julius Leber sollte an dieser Stelle entstehen, so die Beschlusslage der BVV Tempelhof Schöneberg. Was stattdessen passiert, ist die in Tempelhof-Schöneberg übliche Mischung aus Ignoranz, bezirkspolitischer Gutsherrenart und Chaos unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ein Wettbewerb unter weitgehendem Ausschluss der Fachöffentlichkeit. Eine Steckdosenleiste als Wettbewerbsergebnis (wie der TextBauer zutreffend berichtet)  für ein möglichst pflegeleichtes Pseudo-Denkmal. Und einige interessante Details am Rande:
  1. Bloss keine Fachkundigen: Für das Denkmal wurde ein beschränkter Wettbewerb durch das Bezirksamt veranstaltet. Und wer glaubt, da wären Fachleute zu Gange gewesen, irrt: Die Berliner Geschichtswerkstatt, seit Jahren in diesem Bereich aufklärend und forschend tätig, wird zwar eingeladen, hatte aber kein Stimmrecht. Die Gedenkstätte deutscher Widerstand, originärer Ansprechpartner bei einem solchen Anliegen und im Beschluss der BVV ausdrücklich erwähnt, wurde überhaupt nicht beteiligt. Stattdessen stellen zwei Stadträte der CDU sowie ein Mitarbeiter des Stadtplanungsamts das Preisgericht unter Beteiligung des Verbandes bildender Künstler. Wie groß das Interesse der CDU am deutschen Widerstand und Julius Leber ist? Das Ergebnis zeigt es deutlich.
  2. Nur kein Geld: Nicht mehr als 20.000 € durfte es kosten, das Gedenken. Das ist, was im Verfahren zu Recht kritisiert wurde, viel zu wenig für ein angemessenes oder sogar anspruchsvolles Erinnerungszeichen und reichte offenbar noch nicht einmal für eine anspruchsvoll formulierte Ausschreibung. Zudem dürfen keine Folgekosten entstehen. Pflegeleicht soll es sein, das Gedenken.
  3. Nicht mehr interessiert? Man sollte glauben, der SPD läge das Andenken an Julius Leber am Herzen. Stimmte bisher nicht. Die für geschichtlich-kulturelle Fragen in der BVV-Fraktion der SPD zuständige Bezirksverordnete Melanie Kühnemann erklärte zunächst auf Nachfrage, der Vorgang sei „für die SPD gelaufen“. Jetzt aber will man sich zusammen mit den Grünen für eine neue Konzeption einsetzen. Das Wettbewerbsergebnis würde dann nicht mehr zählen. Ob das die beiden zuständigen CDU-Stadträte interessiert, bleibt abzuwarten. Der SPD-Stadtrat Oliver Schworck argumentierte bei seinem Konflikt mit der BVV rund um den Lassen-Park jedenfalls stets, er sei an Aufträge der BVV nicht gebunden. Bis die Bezirksaufsicht ein Machtwort sprach. Vielleicht steuern wir auch in dieser Schöneberger Provinzposse auf einen solchen Konflikt zu.
  4. Die Trittbrettfahrer: Und dann ist da immer noch der Inbegriff des mit Antihaftmittel beschichteten Politikers, MdA Lars Oberg (SPD). Wie schon beim Gasometer, wo er stets engagierte Wortbeiträge lieferte, ohne zuständig zu sein oder gar Einfluss auf seine bezirklichen SPD-Genossen zu nehmen, taucht Oberg gern dann in der Öffentlichkeit auf, wenn er nicht zuständig und/oder schon alles gelaufen ist. Über Twitter hängt er sich an das Flugblatt empörter Anwohner und fordert zur Einmischung auf.
    Einmischung erwünscht? Tweet von Lars Oberg (SPD)

    Was das soll? Warum sich der dynamische Teflonpolitiker Oberg nicht selbst eingemischt hat oder Einfluss auf seine Fraktion nimmt? Diese Frage wird erlaubt sein. Und wer auf solch virales Selbstmarketing antwortet wie ich, bekommt richtig derbe Sprüche zu hören:

Jaja, die üblichen Reflexe. Dabei war mein Beitrag auf Obergs Bitte nicht schwer zu verstehen und sogar kurz:

Lieber Lars: Eher, teurer, sichtbarer, fachkundiger, überhaupt.
Abgesehen von den üblichen Reflexen Schöneberger Politiker bleibt da nur zu wünschen, dass Julius Leber bekommt, was er an dieser Stelle verdient hat: Möglichst bald mit ausreichendem Aufwand ein gut sichtbares Gedenken, das (von Fachleuten bitte!) sorgfältig vor- und aufbereitet wird. Und vor allem überhaupt ein Gedenken. Und keine Steckdosenleiste als bezirkliches Alibi. Noch einmal auf Los, bitte!

Allison Moorer, Alabama Song (1998)

Gediegenes Debütalbum mit großartiger Saitenarbeit

Dieses Debütalbum der Schwester von Shelby Lynne hat alle Merkmale einer sehr sorgfältigen Produktion eines Major-Labels. Moorer singt, was sie damals am besten konnte, nämlich (mit wenigen Ausnahmen) langsame Balladen. Ihre warme Altstimme, die sparsame Modulation und der insgesamt eher unsentimentale Ansatz tun den recht schwerblütigen, ausnahmslos von Moorer selbst getexteten Songs gut. Manchmal wünscht man sich allerdings etwas weniger Sentiment oder auch nur eine herzhafte Uptempo-Nummer. Oder auch etwas weniger Pedal-Steel, aber was will man von einem Album aus 1998, als die Dixie Chicks mit Wide Open Spaces gerade aufbrachen und New-Country noch nicht die Fesseln des klassischen Arrangements abgestreift hatte, schon erwarten.

Was dieses Album deutlich über den Durchschnitt hebt, ist der zutiefst geschmackvolle Einsatz von Saiteninstrumenten: Produzent und Gitarrist Kenny Greenberg hatte ebenso wie Gast-Star Buddy Miller ein glückliches Händchen mit den im konventionellen Genre so wichtigen Details: Das ganze Album wird durchzogen von einer Fülle von kleinen und manchmal nur wenige Takte kurzen Licks und Übergängen auf Gitarre, Dobro, Banjo, Pedal-Steel und Strings, die jeweils für sich Oberklasse sind und gerade die getragenen Balladen weiter bringen. Wer einmal zwischen die Gesangsstrophen hört, findet ein Füllhorn von phantasievollen und superben Einsprengseln, die fast schon allein für sich Spaß machen. Und der Sound ist so transparent und natürlich, wie das bei anspruchsvolleren Country-Alben im Gegensatz zur Dutzendware üblich zu sein scheint. So ist das ein wirklich zeitloses Album, das durch seine gute Produktion nicht gealtert ist.

Klar stellar – Shelby Lynne

Dies ist ein sehr ungewöhnliches Cover- und Tribute-Album.

Wer einmal „Breakfast in Bed“ von UB40 mit Chrissy Hynde gehört hat, erkennt eine gute Band, zwei interessante Sänger und einen guten Song. Wenn Shelby Lynne diesen Song bringt, so verrucht und sexy und klagend wie die liebende und klammernde Frau nur klingen kann, wenn sie sich jeder Strophe langsam und fast genüsslich widmet, untermalt nur von sparsamer Begleitung und einem perfekten Hall, dann bekommt dieser ohnehin gute Song eine völlig neue Qualität.Der Hörer wird diese Interpretation Weiterlesen

Kerngebiet sorgt für Spielsalon XL

Nirgends wird die Wirrnis kommunaler Stadtplanung so plastisch wie am Tempelhofer Damm 1, wo kürzlich eine der größeren Spielhöllen des Bezirks direkt gegenüber dem Flughafen Tempelhof ihre Pforten öffnete. Übrigens in einem leicht herunter gekommenen Gebäude, dessen hoher Leerstandsanteil wohl auf die überzogenen Renditeerwartungen der Eigentümerin zurückzuführen sein dürfte. Hier steht der ehemalige Edeka-Supermarkt nebenan mit einer Fläche von ca. 600 m² seit etwa einem Jahr leer.

Spielhölle „Vulkan“ am Platz der Luftbrücke

Vorausgegangen war ein (nach Berichten im Stadtplanungsausschuss) für den Bezirk aussichtsloser Prozess gegen den Spielhöllenbetreiber, der die ihm zuvor durch den Bezirk verweigerte Gewerbeerlaubnis eingeklagt hatte. Was war geschehen?
Der Bezirk hatte diesen Bereich zwischen Flughafen und Ortskern Neu-Tempelhof bereits vor längerer Zeit als Kerngebiet ausgewiesen, ähnlich wie am Schöneberger Gasometer, wo der frühere Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) bereitwillig eine Kerngebietsausweisung betrieb, um einem Projektentwickler eine dichtere Bebauung zu ermöglichen. Wozu es an dieser trotz des Verkehrslärms eher ruhigen Ecke Tempelhofs ein Kerngebiet braucht, ist für Laien wie Experten unklar. Handelt es sich doch um ein typisches örtliches Zentrum, eine „local high-street“ eben. Und für solche ist ein Kerngebiet weder gedacht noch zulässig, sondern es

… ist eine mögliche Festsetzung in einem Bebauungsplan. Kerngebiete dienen vorwiegend der Unterbringung von Handelsbetrieben, insbesondere von großflächigen, die außer in Kerngebieten nur in eigens ausgewiesenen Sondergebieten zulässig sind, sowie der zentralen Einrichtungen der Wirtschaft und der Verwaltung. Erlaubte Nutzungen sind Geschäfts-, Büro- und Verwaltungsgebäude, Schank- und Speisewirtschaften, Anlagen für kulturelle, soziale und gesundheitliche Zwecke. Vgl. §§ 7, 11 Abs. 3 Baunutzungsverordnung.

Weder gibt es an dieser Ecke großflächigen Einzelhandel, noch sonstige Merkmale eines Kerngebiets. Statt dessen befinden sich in der Nachbarschaft das Landeskriminalamt, mehrere Schulen, Kindergärten und eine Menge kleinerer Gewerbe, Einzelhandel, Fleischer, Tchibo und Praxen. Und es wird hier auch noch gewohnt. Ein recht lebendiger Kiez also. Wo auch nirgends ein Alexa Einkaufszentrum hinpasst oder ein Multiplexkino. Hier wollten die vom Größenwahn befallenen Amtsvorgänger der jetzigen Baustadträtin Sib

yll Klotz (Grüne) offenbar Grundstücksspekulanten anlocken. Oder litten unter Tempelhofer Großmannssucht. Und wollten die ansässigen Gewerbe und Wohnungsmieter ganz offensichtlich loswerden. Die Gewerbe durch Konkurrenz von Saturn und Co., die Wohnungen sind in einem Kerngebiet sogar ganz unzulässig.
Danke sagten die Spekulanten. Es kam zunächst der Leerstand und danach der Spielhallenbetreiber.  Weil Spielhallen in einem Kerngebiet ebenso generell zulässig sind wie Bordelle. Es sei denn, man ist sorgfältig und 

  1. plant kein überflüssiges Kerngebiet oder
  2. wenn schon Kerngebiet, dann schließt ein kluger Bezirkspolitiker unerwünschte Nutzungen durch Textzusatz aus.

Zu beiden Varianten hat es bei den genialischen Bezirkspolitikern von Tempelhof-Schöneberg hier und an vielen anderen Orten im Bezirk leider nicht gereicht. Also beantragte (und bekam) der Spielhöllenbetreiber seine Genehmigung für die Spielhölle. Und die Bezirkspolitiker Schworck und Band (SPD) lieferten vor der Bezirksverordnetenversammlung in der letzten Wahlperiode mehrfach dramatische Auftritte ab, in denen sie über ihre Rückzugsgefechte gegen Spielhöllen am Tempelhofer Damm berichteten.  
Reine Schaufensterpolitik. Denn die Spielhölle gibt es bei einem Kerngebiet gratis, wenn die Punkte 1. und 2. oben nicht beachtet werden. Das ist wirklich das ganz kleine Einmaleins der kommunalen Stadtplanung. Weshalb solche großmannssüchtigen Kerngebietsausweisungen ebenso verzichtbar sind wie die Politiker, die solchen Unfug anzetteln.
Jetzt rudert der Bezirk gezwungenermaßen zurück. Der frühere Bezirksverordnete Andreas Baldow (früher auch SPD, jetzt CDU) verkündete vor dem Stadtplanungsausschuss, man beabsichtige die Rückstufung mehrerer Kerngebiete im Bezirk, zunächst wohl am Tempelhofer Damm 1. Baldow, der bis zu seiner Rochade in das Stadtplanungsamt des Bezirks zuletzt am Gasometer ein glühender Befürworter sinnloser Kerngebietsausweisungen war, darf also den Blödsinn reparieren, den er zusammen mit seinen ehemaligen Tempelhofer Parteifreunden Band und Schworck sowie dem ehemaligen Baustadtrat Krömer angezettelt hat.
Da solche Möchtegernpolitiker regelmäßig nicht lernfähig, sondern nur pensionsfähig sind, wäre die sauberste Lösung die Rückgabe des gesamten Stadtplanungsrechts und aller Kompetenzen in diesem Bereich an die zuständige Senatsverwaltung. Vielleicht hat man dort mehr Überblick, wo in Berlin Kerngebiete mit überörtlicher Ausstrahlung sind und wo nur lokale Zentren mit Wohnen und Kleingewerbe (und ohne Spielhöllen).

Top Pop von der Roots-Rock Röhre Soulsister Shelby Lynne

Dies ist vermutlich das Pop-Album, welches Amy Winehouse hätte machen können, wenn sie 10 Jahre länger im Geschäft geblieben und nicht drogensüchtig so früh gestorben wäre:

Das originelle, authentische und absolut abwechslungsreiche Pop-Album mit mächtig viel Retro- und Soul Faktor, mit dem jeder Hörer glücklich werden kann. Aufgedreht und glitzernd wie im Opener „Your Lies“, dramatisch und soulig wie im 2. Titel „Leavin'“, wo Lynne aus Drumbox, Synstrings und unglaublich souligem Gesang das kleine Pop-Soul Ding macht. Schwerer StampfRockPop im 3. Titel „Life is bad“ – nicht so glatt wie Shania Twain, nicht so schlicht wie Sheryl Crow. Danach bei „Thought It Would Be Easier“ eine flüssig-sahnige TR-808 Drumbox und dezente Jazzakkorde auf der Stratocaster und dazu dieser allumfassend soulige Gesang von Lynne. Ganz tief und weich die Leadstimme wie Weiterlesen

Suit Yourself – rückwärts mit dem Stöckelschuh

Suit Yourself ist vermutlich Shelby Lynne’s bestes Album, eine Kombination von beeindruckendem Songwriting, gekonntem Gitarrenspiel der Sängerin und anrührendem, herzergreifendem Gesang. Und doch klingt es so, als wäre das Album mal eben im Vorbeigehen im heimischen Wohnzimmer aufgenommen worden. Der Vergleich mit der durch harte Arbeit erworbenen Leichtigkeit der Schauspielerin und Tänzerin Ginger Rogers sei daher erlaubt.

Shelby Lynne hat ein paar Besonderheiten: Sie sieht zwar gut aus und hat eine Stimme, die von vielen Hörern als „erotisch“ beschrieben wird. Sie ist aber vor allem eine stilsichere und erfahrene Musikerin, die neben ihrem scheinbar völlig entspannten tiefen Gesang auch exzellent Gitarre spielt und deren Songs so clever und raffiniert aufgebaut sind, dass es kaum ein Hörer merkt. Und sie greift immer wieder ganz tief in die Retrokiste, um aus Weiterlesen

Erfahren mit Twang und Tiefe

Der Titel „Identity Crisis“ des immerhin 7. Albums von Shelby Lynne

ist wohl ironisch gemeint: Nichts zu hören ist hier von den vorher teilweise qualvollen musikalischen Selbstfindungsversuchen dieser wirklich ausgefuchsten Musikerin, die mit 21 ihre erste Platte produzierte und kurz zuvor für ihr 6. Album (!) mit dem Grammy als „Best New Artist“ ausgezeichnet wurde. Lynne ist eklektizistisch im besten Sinne und bringt auf diesem Album -aufgenommen mit wenigen Musikern und wesentlich Weiterlesen

Doris Day & The Horn

Wie überragend gut die Unterhaltungsmusiker der 50er Jahre waren, kann man in diesem 1954 enstandenen Album bewundern:

Doris Day, die bekannte Filmschauspielerin und weniger bekannte Swing- und Jazzsängerin trifft auf Harry James und seine Band. James mit seinen machtvollen, kräftigen und originellen Trompetensoli doubelte musikalisch Kirk Douglas, der die Hauptrolle des jungen Trompeters in dem (nach meiner Meinung nicht sehenswerten-) gleichnamigen Film spielt. Für Day war dieser Film die erste richtige Hauptrolle und Beginn ihrer dritten (!) Karriere als Filmschauspielerin.

Doris Day singt viel besser und interessanter, als man das von ihrem Signature-Song „Que Sera“ kennt. Für meinen Geschmack so interessant und stilsicher klingend wie Ella Weiterlesen

Voodoo Child ganz neu – Coverversionen aufregend zerlegt

Teréz Montcalm ist wie die ähnlich im Grenzbereich  zwischen Jazz, Soul, Pop und Irgendwas vagabundierende Holly Cole Francokanadierin. Und eine Könnerin im Interpretieren und Zerlegen fremder Musik.

Seit Rickie Lee Jones, deren Coverversionen bekannter und unbekannter Songs für mich wegen der Ausdrucksstärke immer die Messlatte bleiben, habe ich keine Sängerin mehr gehört, die sich mit so viel Gestaltungswillen und so viel sängerischem Charme über Musik Anderer hermacht. Wie Montcalm nicht nur „Sweet Dreams“ der Eurythmics, sondern auch „Voodoo Child“ von Hendrix oder bei dem z.B. bei James Taylor furchtbar glatt und fast belanglos klingenden Standard „How Sweet it is“ ihre Stücke zerlegt, zerknurrt, raunt, winselt und doch immer eine schlüssige Interpretation abliefert – das ist wirklich einzigartig. Holly Cole, eine andere Francokanadierin im selben Fach, hat sich Weiterlesen

Buddy Miller & Band Of Joy

Gestern habe ich auf zdf.kultur Robert Plant mit seiner „Band Of Joy“ gesehen und gehört. Sie stellten bei TheArtistsDen ihr Album von 2010

vor. Das Album ist wirklich gut und hörenswert. Aber es ist von so miserabler Soundqualität, so matschig und ohne jede Dynamik (DR = Dynamic Range 7)  aufgenommen, dass ich es sicherlich nicht häufiger als zwei mal von Konserve hören werde. Robert Plant muss einen massiven Gehörschaden haben oder ich bin von besseren Aufnahmen verwöhnt. Auch sein letztes Album, das (was Musik, Gesang und Interpretation angeht) wunderbare Raising Sand war dumpf und matschig aufgenommen und im Vergleich etwa zu den Produktionen von Daniel Lanois nur mit Dröhnung zu ertragen. Vielleicht gibt Robert Plant ja endlich mal die Verantwortung für Sound und Aufnahme an einen fähigeren Produzenten ab.

Ganz anders der Live-Auftritt: Man mag Robert Plants exaltierte Handgymnastik rund um das Mikrofon finden, wie man will – der Mann ist ein Weiterlesen

Christopher Walken is interesting

There are great american actors, whose parents came from germany. Peter Lorre, Oskar Werner and Christopher Walken. Not only the devilish opposer of James bond, but smooth young man in many shakespeare dramas, musical star in younger years, funny old man in „Hairspray“ – and he can even dance. Tapdancing like hell so even Fred Astaire and Gene Kelly honored him.

In 1995 he was interviewed at Actor’s Studio. See:

Less serious, but even more revealing – his dance-overload (watch to the end!):

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Norah Jones – mit Anderen besser

Eine Zusammenstellung nur mit Kollaborationen von Norah Jones

Rating: ★★☆☆☆

ist keine schlechte Idee. Denn wer Norah Jones und ihre Plattenkarriere verfolgt hat, weiß um den seichten Kommerz, welcher ihren eigenen Alben anhaftet. Da wird gesoftet und geschliffen, bis es ganz einfach und so aufregend ist wie Nutella mit Weißbrot. Was mir spätestens seit dem wunderbaren „Creeping In“, einem rasenden heiteren Duett mit Dolly Parton auf Jones‘ zweitem Album „Feels Like Home“ (für mich der beste Titel auf diesem Album) klar wurde: Die Jones braucht andere, selbstbewusste Musiker, um sich mit ihren unbestreitbaren Fähigkeiten, ihrer markanten Stimme und dem eigenwilligen Piano entfalten zu können. Damit es nicht seicht wird. Wie Parton am Ende dieser wirklich atemberaubenden und live eingespielten Uptempo-Nummer kichert – so entspannt und eigenwillig möchte man Jones häufiger hören.

Und so zeigt diese Zusammenstellung die andere Seite der Hitparadenkünstlerin: „Ruler Of My Heart“ mit der Dirty Dozen Brass Band zum Beispiel – ein Weiterlesen

Levon Helm is dead

Levon Helm (by billboard.com)

About two weeks ago Levon Helm died. Levon was the man with that unique moving voice and the fat rock-bassdrum. He reached stardom with the band, could be heard singing 3 to 4 voice and nailing this whole hippie-company together in the legendary „The Last Waltz“ film by Martin Scorcese. Just a few solo-albums showed his gift of bringing a song across to the hearts of the listener. Even better he did in his solo album „Dirt Farmer“, where he discovered the old songs of his Arkansas home. He recorded this album after recovering from throat cancer. His studio burnt down. He had quite a load to bear in his later days.

And every time i hear this man sing, it moves me back and forth. Straight from the heart, like in his guest apearance in the great album „The Neighborhood“ by Los Lobos, where he sang „Little John Of God“. You can’t do better.

 

 

Zappa als Zirkustruppe?

Da schreibt einer

Zappa ist die höchstniveauige Kombination von meisterklassigem Musikantentum und subversivem Witz. Ich konnte aber nie drüber lachen. Ich fand Zappa immer sehr viel Aufwand und letztlich langweiliges Sportgedaddel für relativ wenig Pointe. Und da war nichts bei, was mich berührt hat. Zappa zu hören war für mich immer, als würde ich im Zirkus eine Artistentruppe anschauen.

und hat nicht mal so ganz Unrecht damit. Ganz korrekt wäre es, wenn man „subversiv“ durch „pubertär“ ersetzt. – It’s only rock’n roll….

Barbara Dennerlein kann Orgel, aber

… ich muss zugeben, dass die B3 nicht mein Lieblingsinstrument ist. Eher für Effekte und Sound als für die erste Stimme. Ein Instrument, ohne das die legendäre Live-Version von Bob Marley „No woman, no cry“ nicht denkbar wäre. Aber auch ein Instrument, mit dessen Hilfe (so oder anders) Horden von Alleinunterhalten Hotelgäste und Besucher von Tanztees quälen. Schubidubi.

Barbara Dennerlei, die perfekte Technikerin, macht aus dieser Not eine Tugend: Interessant arrangierte Kompositionen, die den Begleitmusikern viel Raum lassen, wilde Bläsersätze (hört sich manchmal an wie Dirty Dozen Brass Band) und witzige Details (wilde Singstimmen, harmonische Spielereien) – die Frau ist eine brilliante Komponistin mit viel Witz. Die etwas gleichmäßige Dynamik der Orgel gleicht die Band aus. Es ist extrem funky, es groovt wie die Sau.

Warum keine 5 Sterne? Es ist zu viel B3 für meinen Geschmack. Und das geht mir sogar bei Jimmy Smith so, und der ist wirklich ein ganz Großer. Und der Sound gefällt mir nicht, er ist zu spitz. Ein relativ geringer Dynamikumfang (DR=9 ist wenig für eine Jazzplatte), sehr spitze Bläser und wo bleibt der Griff zu den tiefen Registern? Wenn mein Lieblings-Orgler Brian Auger in die Tasten greift, dann wackeln vom Bass auch mal die Wände oder es wird ganz langsam. Hier dagegen kling es immer hell und gefällig. Und einige langsamere oder sogar dramatische Nummern (das geht auf der Orgel) wären auch ganz schön gewesen. Aber: Wer es flott und gefällig mag, hat hier viel Freude.
Rating: ★★★☆☆

Der Zeit weit voraus mit Tiefe, Schwärze und Orgel

… war dieses Bandprojekt Brian Auger & Julie Driscoll: Streetnoise (1970) wie viele andere Musiker aus den Jahren 1966-1970 auch:

Eine unwiderstehliche und intensive Mischung aus (modalem!) Jazz, Soul, Blues und Avantgarde brachte Brian Auger zustande mit der unglaublich charismatischen Sängerin Julie Driscoll und anderen Musikern, die später in anderen britischen Combos berühmt wurden. Der treibende und harmonisch ausgefallene Titel „Tropic of Capricorn“, das tiefschwarze Cover „When I was a young girl“, das programmatisch schmerzhafte „Czechoslovakia“, „Light My Fire“ so abgrundtief intensiv und rabenschwarz-sexy wie kaum eine andere Version dieses vielgespielten Titels. Man mag kaum auf einzelne Titel eingehen – jede Interpretation und vor allem auch die Eigenkompositionen sind über jeden Zweifel erhaben und gehören zum Besten, was im Grenzbereich zwischen den genannten Musikstilen in den letzten 40 Jahren zu hören war. Dieses Album glüht wie ein Komet, kein Wunder, dass die Band sich kurz darauf in alle Himmelsrichtungen zerstreute.

Über die merkwürdigen Umstände der Entstehung dieses Ausnahmealbums ist bei Amazon und in den Liner-Notes schon viel geschrieben worden. Den großen Zeitdruck hört man den scheinbar oft im first take entstandenen Aufnahmen teilweise etwas an. Aber wenn Brian Auger die tiefen Register seiner Orgel dazu bringt, buchstäblich die Wände wackeln zu lassen. Wenn Julie Driscoll raunt und ihre Stimme in die tiefsten Lagen zwingt, wenn Drummer Clive Thacker ebenso kraftvoll wie präzise den Grenzbereich zwischen Hardrock (entstand mit Jeff Beck’s Formation etwa zeitgleich) und Jazz auslotet. Das klingt unfassbar modern, absolut zeitlos und ist übrigens auch (play it loud) sehr gut und durchsichtig aufgenommen. DR = 8 (was man beim Hören nicht glauben mag – so laut und leise wie das Album wirkt).

Ein Album für alle, die sich nicht vor intensiver Musik fürchten und wissen wollen, wie weit die moderne Musik schon 1970 war. Und die auch komplexe Harmonien oder heftige Interpretationen vertragen.

Rating: ★★★★★

John Hiatt und sein Traumalbum

John Hiatt hatte mit seinem Album Bring the family (1987)

eine außergewöhnliche Basis. Gerade vom Alkohol weg wurde er von einem A&R Manager gefragt, was seine Traumband für ein Soloalbum wäre. Nick Lowe (b), Ry Cooder (g) und Jim Keltner (dr) war seine Antwort und diese Drei waren (bei einem so guten Songwriter wie Hiatt nicht verwunderlich) sofort bereit, mit ihm in’s Studio zu gehen. Und heraus kam (nach nur vier Tagen Studioarbeit) dieses Ausnahmealbum, mit welchem Hiatt für die nächsten dreißig Jahre seinen Ruf als erwachsenster aller Song-Writer im Rock festigte.

Hier passte Alles: Faszinierende Rocker und Balladen über die auch ernsten Themen des Lebens. Hiatt wird nie kitschig (allenfalls bei der ironischen Ballade Weiterlesen

Van Halen siegt im Loudness-War

Das neue Album der wieder mit Sänger David Lee Roth vereinten Hardrocker von Van Halen ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man Musik durch schlechte Aufnahme und Mixdown völlig kaputt machen kann.

Die Band rackert sich ab. Die Musik (was man hören kann) ist wirklich inspiriert. Wir hören einen unglaublich interessanten Sänger, einen völlig ausgefuchsten Gitarristen, einen ziemlich wilden Drummer und mit Wolfgang VH (der Sohn des Edward) einen dynamischen, vitalen Bassisten. Aber leider hören wir nichts. Nichts. Das gesamte Album ist zusammengematscht und komprimiert in einem Maße, dass man es auf einem 5 cm kleinen Kofferradio- Weiterlesen

The Well (and what's behind)

Jennifer Warnes (mit Jackson Browne); www.jenniferwarnes.com

Manchmal fragt man sich schon, wie das kommt. Eine der gefragtesten Session-Sängerinnen der Welt, mehrfach mit Grammys und Oscars ausgezeichnet, macht nach fast 10 Jahren mal wieder ein eigenes Album und nennt das „The Well“ – wie wir aus diesem Artikel erfahren, aus gutem Grund.

Jennifer Warnes hatte tiefe persönliche Bindungen nach Austin/Texas. Sie fand dort (Jahre nachdem sie wieder nach Los Angeles zurück gezogen war) zu Doyle Bramhall, einer lokalen Musikerlegende, einem langjährigen Freund und Songschreiber der anderen texanischen Legende Stevie Ray Vaughn. Und nachdem sie festgestellt hatten, dass ihre Stimmen zu unterschiedlich sind (Warnes raucht und trinkt nicht, dafür aber Bramhall):

Her voice shimmered with sunlight, and he was all about barlight. „Yet we liked each other,“ says Warnes, „because he had what I could never have and I had what he could never have.“

entstand ein gemeinsames Projekt: Man traf sich am „Jacob’s Well“ einem größeren Quellsee bei Austin und beschloss, die Talente zusammen zu werfen. Und heraus kam (nach Lösung von einem lästig gewordenen Plattenvertrag) das großartige Album

Rating: ★★★★☆ DR = 11

dessen Höhepunkte der Titelsong von Warnes/Bramhall sowie das ergreifende Duett „You Don’t Know Me“ mit Doyle Bramhall sind. Aus dem schlichten Kalkül „Engelsstimme vs. Bar-Voice“ wird hier großes Ohrenkino. Und weil dieses Album auch sonst einige Überraschungen bietet (zum Beispiel ein wild arrangiertes Protestlied von und mit Arlo Guthrie), lohnt sich der Kauf als remastered 24 k Gold-Edition (erhältlich bei verschiedenen deutschen Spezialversandhäusern für ca. 35 EUR). Denn eine audiophile Perle ist dieses Album von Warnes ohnehin.

Doris Day singt nicht ganz jugendfrei

Doris Day ist den meisten Deutschen nur bekannt aus einer Vielzahl zum Teil obskurer und teilweise sehr zeitgeistiger Filme und Komödien der 50er und 60er Jahre. Mit und ohne Rock Hudson. Mit und ohne Alfred Hitchcock, mit dem Sie (in Ihrem ersten filmischen Auslandseinsatz) den berühmten Film „Der Mann der zu viel wusste (1957)“ drehte. Dort sang sie ihren ganz großen Hit „Que sera, sera“ und dieser wurde zu ihrem musikalischen Markenzeichen. Mit dieser wie betoniert sitzenden Blondfrisur, dem freundlichen Gesicht und diesem clean look ist sie gleichermaßen Ikone der 50er Jahre und Inbegriff der sauberen amerikanischen Hausfrau – patent, freundlich und sauber. Doris Day ist aber auch die ausgefuchste Sängerin mit der nicht mehr jugendfreien Sahnestimme – technisch perfekt, in allen Stimmlagen zu Hause, ausdrucksvoll und nur scheinbar naiv macht sie aus dem banalsten Broadway-Schlager eine stimmliche Verführung des Hörers – scheinbar naiv, bezaubernd sexy und technisch unauffällig brillant. Eine Jazz- und Popsängerin, von deren schöner Stimme und brillanter Interpretation der Hörer heute noch verzaubert sein kann.

Was kaum jemand weiß: Die Filmkarriere war (nach einer kurzen, durch Autounfall im Teenageralter vorzeitig beendeten Tanzkarriere) bereits die zweite Karriere der DD. Zuvor war sie, die 1924 Geborene, bereits die berühmteste und am meisten verkaufte amerikanische Sängerin der Nachkriegszeit. Und eine technisch wie künstlerisch beeindruckende Sängerin, die vor allem mit Jazzcombos und Big-Bands seit ihrem ersten Hit Weiterlesen

Das alte Westberlin

tumblr.westberlinSchlangen vor dem Schlussverkauf der 50er Jahre, Woolworth mit Brandwand an der Müllerstraße, die Mauer. Auf diesem Fotoblog gibt es viel zu entdecken aus dem alten Westberlin.

Auch die alte kleine Eislaufbahn im Europa-Center (ein sehr sozialer Ort) kommt zu Ehren. Der Blick auf „Holst am Zoo“ (die Bierschwemme des damaligen Hertha-Präsidenten) noch ganz ohne Otto Rehagel.

Das wäre direkt eine Ausstellung wert.

Meerjungfrau im Rathaus Schöneberg

Die kleine Meerjungfrau – mal anders als Andersen. Eine szenische Aufführung mit Birgit Hägele und der Meerjungfrau am
Samstag, 10.03.2012 um 20.00 Uhr
Rathaus Schöneberg, Goldener Saal
Nur die Meerhexe kennt die Wahrheit über die kleine Meerjungfrau. Sie weiß, warum die Meerjungfrau ihr wahres Wesen verleugnet. Es geht nicht um den Prinzen, denn diesmal bekommt die Meerjungfrau den Prinz. Er passt nicht zu ihr. Aber sie will es sich nicht eingestehen. Sie veranstaltet die absurdesten Dinge, um ihr Bild vom Traumprinzen weiter aufrecht zu erhalten. Komisch-tragisch. Kommt ja nicht nur im Märchen vor! Aber wer ist es, der am Ende stirbt?
Erzählung:       Birgit Hägele
Gesang:          Birgit Hägele, Anna-Maria Paschos
Beginn:           20 Uhr

Joan Armatrading und die Top-Mucker

Für dieses Album gab die neue Plattenfirma von Joan Armatrading richtig viel Geld aus. Die Elite der Sessionmusiker (Darryl Jones, Tony Levin , Manu Katche, Alex Acuna <dr, perc>), das Kronos Quartett im genialischen „Shapes And Sizes“, Keyboarder wie Greg Phillinganes und Benmont Tench, Monster-Stimmen wie Terry Evans und Willie Green jr. für die dichten Background-Vocals – hier fehlt nichts zu einem auch aufnahmetechnisch gelungenen Hörerlebnis. Arrangements und Instrumentierung sind (einschließlich der häufiger zu hörenden Streicher) abwechslungsreich und gelungen. Joan Armatrading lässt ihr interessantes Gitarrenspiel immer wieder aufblitzen.

Und doch wirkt das Album etwas beliebig. Alle denkbaren Stile werden abgegrast. Und wer länger zuhört, hat den Effekt eines überproduzierten Erstlingsalbums. Viel reingepackt und es fehlt die große Linie. Manchmal auch zu spektakulär aufgenommen – überall close-mike und starke Kompression, die Rutscher auf der Gitarre sind lauter als die Akkorde. Trotzdem: Wegen der fantastischen Musiker und der interessanten Arrangements mit einer großen Frontfrau ein lohnendes Album.

Dynamic Range: 9 (viel zu wenig für so gute Musiker)

Anspieltipps: Merchant of Love, Shapes and Sizes, Recommend my love (wenn Willie Greene Jr. mit seiner Stimme die Wände zum Wackeln bringt), Can’t Stop Loving You (Memphis Horns sind immer nett), Shape Of A Pony (der fette Bass von Tony Levin und entspanntes Trommeln von Manu Katche zum Kinderlied)

Rating: ★★★½☆

Postfeudal mit 300 Nullen

Am 24.01.1712 wurde Friedrich der Große geboren. Ein bedeutender Jahrestag in einer Gesellschaft, die sich postfeudal benimmt, adlige Gel-Bubis hofiert und ein Stadtschloss in der Berliner Mitte braucht, um sich gut zu fühlen. Die Akazien-Buchhandlung hat ein ganzes Fenster mit Friedrichs dekoriert.

Mein Freund Heinz hat da ein Foto gemacht:

Friedrich mit der Null (Foto: Heinz Kleemann)

 

A Word About Jennifer Warnes

Nachdem ich gestern und heute zum wiederholten Male über das Album von Jennifer Warnes gestolpert bin – und wieder fasziniert, kam das Deja Vu: Mein bescheidenes Ich hatte bereits vor etwa 6 Monaten mal was Treffendes über diese Sängerin und deren wunderbare Stimme gesagt.

Da bleibt nur noch: Hören!

Patty Griffin – Living with Ghosts (1996)

„Leben mit Geistern“ ist das mittlerweile 15 Jahre alte Debütalbum der amerikanischen Sängerin Patty Griffin. Gänsehaut: Eigenwillig, akustisch, unsingbar gesungen und zutiefst beeindruckend.

Patty Griffin ist die eigenwillige Liedermacherin mit der ganz besonderen Altstimme. Sie überzeugte mit ihrem Demo zu diesem Erstling einen findigen A&R Manager, der ihr sofort einen Plattenvertrag bei A&M verschaffte und das Album unverändert auf den Markt brachte – nur Stimme und Gesang, Gitarre und eigene Begleitung. Heraus kommt ein eigenwilliges, sehr ausdrucksstarkes Album mit viel Substanz. Griffin hat eine erwachsene, nicht wirklich schön klingende Altstimme und zieht beim Singen alle Register, was ihre Interpretationen einerseits sehr ausdrucksvoll macht und andererseits weit von jedem Schönklang und Hitparadengesang entfernt ist. Sie raunt, flüstert, kreischt – das klingt etwas nach den wilderen Interpretationen von Rickie Lee Jones oder Tori Amos.

Die ausnahmslos selbst geschriebenen Songs sind aufregend im besten Sinne. „Let Him Fly“ wurde mit großem Erfolg von den Dixie Chicks gecovert und ist ein unglaublich interessanter Trennungs-Song (und großes Drama). „You Never Get What You Want“ oder „Poor Man’s House“ befassen sich mit ebenso ernsten Themen. Es wird selten heiter, nie kitschig und auch die Texte, erst recht die einschneidenden Interpretationen von Patty Griffin erreichen die tiefsten Tiefen des musikalischen Ausdrucks. Hitparadentauglich ist dieses Album natürlich nicht, Country ist es auch nicht und passt in keine Schublade. Und gerade deshalb wird man es (wer solche schwerblütigen Interpretationen hören mag) wie etwa „Blood On The Tracks“ von Bob Dylan vermutlich noch in 20 Jahren hören.

 

RBB verursacht Gaslaternen-Wirrnis

Torgauer Straße mit Nebel und Gaslaterne

Schon lange wundert mich bei der RBB-Abendschau nichts mehr: Da werden profitgierige Denkmal-Durchlöcherer wie Gasometer-Müller wie auf Bestellung für einen Werbefilm als Gurus der Immobilienwirtschaft abgefeiert, während der Schöneberger Gasometer weiter unsaniert und mit unsinniger Leuchtwerbung vor sich hin rostet.

Jack The Ripper mordete im Licht der Londoner Gaslaternen und in der Torgauer Straße gab es das in der vergangenen Woche in ähnlicher Form zu sehen. Und jetzt berichtet die Abendschau über den Umgang mit Berliner Gaslaternen, dass mehr Fragen offen bleiben als zuvor.

Sollen die Gaslaternen wirklich „verschwinden“ oder handelt es sich bei den Exemplaren etwa in der Torgauer Straße nicht nur um Erprobungen für eine Umrüstung auf Strom als Energieträger. Ist es wirklich so, dass die elektrisch betriebenen Laternen „dunkler“ sind, wie der Passant im Bericht bemerkt haben will?

Ein wirrer Bericht, ein unklares Anliegen: Nicht die Gaslaternen sollen verschwinden, sondern deren Glühstrümpfe und Gaszufuhr, oder? Warum braucht es Heizgas in der Laterne, wenn Lichtfarbe und Lichtstärke sich mit herkömmlicher LED- oder anderer Lampentechnik auch energieschonender und kostengünstiger erzeugen lassen? Frage ich mich als echter Gaslaternen-Fan und wünsche mir nicht nur hier etwas mehr als unzureichend recherchierte und faktenfreie 3-Minuten Schnippsel vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Franz-Josef Degenhardt

Gestern ist mit FJD einer der großen deutschen Liedermacher der 68er Generation gestorben. Groß geworden mit der Protestbewegung der der 60er Jahre. Gehört von meinen Eltern und vielen ihrer Altersgenossen. Angefeindet wegen seiner „strammen“ politischen Haltung und seiner drastischen Texte.

Er hat mit dem Song- und Buchtitel „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ ein neues Wort gefunden und mit vielen anderen drastischen, derben und eingängigen Texten und sprachlichen Bildern immer wieder unsentimental und direkt Dinge auf den Punkt gebracht. Sein Lied von P.T. dem Apachen beispielsweise – ein Thema, eingängige sprachliche Bilder, viel Witz – als ich das mit etwa 6 Jahren das erste Mal hörte, konnte ich immer wieder über die reparierten Betten, die missglückte Durchsuchung des Puffs und die geglückte Flucht schmunzeln. Und die rote Rita beschäftigte den kleinen Jungen natürlich auch immer wieder. Comics mit Tiefe.

Ebenso direkt und zart konnte FJD aber auch über die alten Paare auf den Bänken singen. Derber und praller als der ihm durchaus verwandte andere deutsche Chansonnier Reinhard Mey (mit dem er musikalisch sehr viel gemeinsam hatte) oder der DKP-Genosse Hannes Wader, aber eben auf seine Art:

Niemand wird behaupten, er habe täglich FJD gehört. Und niemand wird behaupten, dieser Liedermacher habe ihn oder sie gleichgültig gelassen oder sei uninteressant. Mehr kann sich ein Künstler kaum wünschen.

RIP, Franz-Josef.

Märchen: Wer war der erste Mensch?

Unter dem Titel „Wer war der erste Mensch mit weißer Hautfarbe?“ – Märchen von Freiheit und Sklaverei führt die Geschichtenerzählerin Birgit Hägele am

Samstag, 19.11. 2011 19 Uhr Rathaus Schöneberg
John-F.-Kennedy-Platz 1 10825 Berlin

hinauf in den Glockenturm zur Freiheitsglocke und erzählt Märchen der Afroamerikaner.

Wer die Aufführung mit „Chinesischen Märchen“ vor wenigen Wochen gesehen hat weiß, dass es hier etwas zu entdecken gibt. Der Eintritt ist frei.

Flyer: Wer war der erste Mensch

Joni Mitchell's Blue in Gold

Ein guter Freund hat mir das Album von Joni Mitchell „Blue“ (1971) geschenkt. Aber die ultimative, die Gold-CD – direkt abgenommen vom Masterband, das der damalige Toningenieur1 schon als gelungene Aufnahme aus der frühen Transistor-Ära bezeichnete. Recht hatte er.

Wie großartig die Musik ist, wusste ich schon immer und habe das schon mal bei Amazon.de beschrieben. Aber was für ein perfekter Sound. Ich habe dieses Album zig mal gehört, von der griechischen Strandtaverne (vom Cassettenrekorder) über Vinyl (mit und ohne Hifi) bis hin zur „normalen“ CD von meiner Anlage. Es hörte sich immer gut, ausgewogen und musikalisch an, selbst die teilweise fledermausartig hohen Gesänge Joni’s. Warm klingende (!) Stahlsaiten, der harte Anschlag des Dulcimers, harmonische Bässe, das dumpfe Plockern der Percussions – „All I Want“, der Opener ist musikalisch und aufnahmetechnisch kaum zu übertreffen. Und die nicht wenigen Menschen, welche Mitchell’s Stimme gerade auf diesem Album unangenehm finden, sollen sich einfach von einem guten Freund diese Pressung schenken lassen oder das alte Vinyl aus dem Schrank holen. Gute Freunde muss man haben 🙂

Rating: ★★★★★ DR = 11

Und wer sich fragen sollte, was ein Dulcimer ist, sieht das hier: Carey ist der dritte Titel von diesem Ausnahmealbum.

 


  1. Steve Hoffman 

Circle Game up the Hill

Gestern kam unser Großer zurück – er hatte in den Herbstferien die Wildspitze (3774 m) bestiegen. Einschließlich schwieriger Gruppenmitglieder und all that jazz. Es ist schön, wenn die Kleinen Große werden. Das wusste schon Joni Mitchell in Ihrem Song Circle Game von 1966:

Mehr gibt’s da eigentlich nicht zu sagen.

Fritz Lang "M" – ein Film, der alle Filme ist

Eben in unserem Heimkino: „M“ – ein schwarzweißes Meisterwerk von Fritz Lang aus dem Jahr 1931.

Jeder hat davon gehört, die meisten ihn nie ganz gesehen. Lohnt sich aber:

Beklemmend und witzig, unglaublich durchdacht. Es stimmt und fasziniert fast jede Einstellung. Und der Film hat Alles: Grusel, Krimi, derbe Komödie, Metapher (zwei unterschiedliche Gesellschaften mit gleichen Methoden, die Verfolgung Andersartiger), Lokalkolorit (Berlin mit Kneipe und Straße) und zuletzt gibt es großes „Court Drama“ mit offenem Ende und Appell an die Menschlichkeit. Und diese trickreichen Einstellungen. Lange Kamerafahrten, skurrile Details (Einbruchswerkzeuge, hunderte von Rauchartikeln) – da gibt es immer wieder was zu entdecken. Die Statisten bewegen sich mit der Grazie von Tänzern. Jede Nebenrolle bestens besetzt. Der damals noch junge Gustav Gründgens unglaublich physisch und bedrohlich als der „Schränker“. Mio – großes Kino!

Chucho's Steps – Jazz the Cuban Way

Durch Zufall bin ich auf das großartige Album

Rating: ★★★★½

gestoßen. Der 70jährige Valdes hat wie viele berühmte Musiker seines Landes Jazz gelernt, als Kuba das amerikanische Vergnügungsviertel war und es viel Arbeit für Musiker gab. Seine technische Brillianz wird mit Oscar Peterson verglichen. Aber anders als jener lässt Chucho Luft und Platz zwischen den Noten – der späte Miles Davis lässt zum Beispiel in „Julian“ grüßen.

Sein Spiel ist funky, komplex und originell. Er integriert die vielfältigen Rhythmen Kubas in modernen Jazz. Er spielt überragend funky etwa in seiner Hommage an die Marsalis Family „New Orleans“ und zerhackt/rekonstruiert Joe Zawinul’s Hit „Birdland“ so gekonnt, dass sich die oft lustlos abgenudelten Themen dieses wunderbaren Titels sich ganz langsam in das Gehör der Zuhörer winden. Es bleibt dabei immer entspannt und virtuos und … kurzweilig.

Weltmusik und Crossover im besten Sinne – große Musik!

Rating: ★★★★☆ DR = 10

Can't Make You Love Me

„I can’t make you love me“ von Bonnie Raitt ist -wer langsamste Balladen mag- ein Song für die Ewigkeit. Und im Original bereits überirdisch. Umso mehr überrascht mich Bon Iver mit dieser Version – offiziell gut geheißen von Bonnie herself:

Und weil ich gestern den Film „Leonard Cohen – I’m Your Man“ ausschalten musste, weil ein Haufen minder talentierter Menschen mit und ohne Bart sich durch das Werk von Lennie quälten (und mich gleich mit) ist diese Coverversion der Trost.

Was eine interessante Stimme. Wie er die Obertöne des Klaviers einfach mitklingen lässt. Wieviel Zeit er sich nimmt. Großartig, Honey!

Brustbild und Außendarstellung

Mein Politikstil ist ein anderer *

unter dieser Überschrift berichtet die TAZ in einer Ausgabe vom August 2011 über eine wenig bekannte Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales.

Schlagzeile

Carola Bluhm (Linke) hat nicht nur ein in dieser Stadt wichtiges Ressort, einen riesigen Etat und an der Schnittstelle zwischen dem Prekariat und der Leistungsverwaltung jede Menge Konflikte und Probleme zu meistern. Sie hat vielmehr diesen Job auch seit 2009 -soweit mir bekannt- untadelig und völlig unauffällig, jedenfalls aber extrem skandalarm bewältigt. So auch der Tenor der Berichterstattung in der TAZ.

Und doch läuft etwas sehr seltsam mit diesem Bericht. Nämlich in der bildlichen Darstellung. Frau Bluhm hat -auch dies für eine selbstbewusste und engagierte Spitzenbeamtin in diesem Ressort sympathisch und nachvollziehbar- an der Wand ihres Büros schwarzweiße Fotografien von Frauenbrüsten. Unterschiedliche, bekleidete, jugendfreie Frauenbrüste, die in meinen Augen künstlerisch anspruchsvoll sind und interessante Botschaften transportieren. Die Fragen aufwerfen. Zum Denken anregen. Mehr kann eine Bürodekoration und Kunst eigentlich nicht leisten. Und wo ist das Problem? Die untadelige Senatorin wird vor ihren Bildern von schräg unten fotografiert. Und heraus kommt dieses Bild.

Carola Bluhm (Linke) in ihrem Büro - Quelle: TAZ

Carola Bluhm (Linke) in ihrem Büro – Quelle: TAZ

Die Senatorin führt offensichtlich viele Gespräche vor diesen drei Bildern. Und einer kleinen Statue, die auf dem Bild der TAZ nicht zu sehen ist. Der Fotograf der Senatsverwaltung hate jedenfalls eine andere Perspektive gewählt, wie auch einem alten Bürobild (zwischenzeitlich vom Server der Senatsverwaltung verschwunden) zu sehen war.

Das Pressebild der TAZ ist als Fotografie interessant, ehrlich und authentisch. Aber ist das frauenfeindlich? Hätte der/die Fotografin eine andere Perspektive wählen müssen? Muss sich die Senatorin Gedanken machen über ihre Außendarstellung? Oder kommt sie einfach authentisch rüber?

Wer war eigentlich Annette Fugmann-Heesing?

Mein Flugblatt des Tages kommt ausnahmsweise nicht von der BI-Gasometer (deren Erinnerungen an die Untaten der SPD-Politiker rund um den Schöneberger Gasometer auch lesenswert sind).
Sondern vom Berliner Wassertisch, der mit einem Flugblatt daran erinnert, was die im Wahlkreis 1 Tempelhof-Schöneberg kandidierende Annette Fugmann-Heesing bereits hinter sich hat:

  • Lotto-Affäre in Hessen 1993 (es ging um verdeckte und hochpreisige Versorgung abgehalfterter Parteifreunde, wie der Spiegel damals schrieb)
  • 1996-2001 in Berlin Privatisierung der Berliner Wasserbetriebe (mit den bekannten Folgen für die Wasserpreise in Berlin – Gewinngarantie für Veolia inklusive).
  • Als verantwortliche Senatorin setzte sie den Verkauf der Bewag (Strom), der Gasag (Gas) und der Wohnungsbaugesellschaft Gehag durch
  • 1999 Doppelmandat bei der Ausschreibung des Flughafens BBI Schönefeld
  • 2001 Bankenskandal (Sonderfonds für verdiente Politiker und Monster-Immobilienpleite), wobei Frau Fugmann-Heesing als Aufsichtsrätin nichts gewuss haben will. Wobei das Flugblatt die seltsame Rolle von Frank Zimmermann (SPD Direktkandidat im Wahlkreis Tempelhof Süd) verschweigt, der von 1996-1997 als Pressesprecher der Finanzsenatorin Fugmann-Heesing deren enger Mitarbeiter war. Und dafür später (warum wohl?) den Untersuchungsausschuss in der Bankenaffäre leitete.

Eine Politikerin mit dieser Vergangenheit ist vorsichtig ausgedrückt problematisch. Vertrauenerweckend jedoch nicht.
Das Flugblatt kann man hier lesen. Und wer im Wahlkreis 1 Tempelhof-Schöneberg, also im Schöneberger Norden wählen muss, sollte sich gut überlegen, wo das Kreuzchen mit der Erststimme hinkommt.

Euro-Krise ist nur Zocker-Krise

Grafik: Tagesschau.de

Die Euro-Krise ist in Wirklichkeit eine Zocker-Krise. Die Banken und ihre Kunden haben Angst um Anleihen in Griechenland und anderswo. Es wird eine Krise herbeigeschrieben und nach staatlichen Garantien für private (!) Investments gerufen. Dabei sind die Zahlen ganz einfach (gefunden in BrandEins Ausgabe 6/2011)

Staatsschulden Griechenlands im Jahr 2010 in Prozent des Bruttoinlandsprodukts 140
Staatsschulden Japans im Jahr 2010 in Prozent des Bruttoinlandsprodukts 218
Anteil griechischer Staatsanleihen, die von ausländischen Investoren gehalten werden, in Prozent 79
Anteil japanischer Staatsanleihen, die von ausländischen Investoren gehalten werden, in Prozent 6

Ist doch klar, dass Banken und deren zum Risiko verführte Anleger die Sozialisierung von Forderungsausfällen befürworten. Meine Altersgenossen und nicht nur die haben aber schon die deutsche Einheit finanziert – jetzt auch noch die Zockereien von Ackermann und dessen Kunden? Wen außer dem Finanzmarkt interessiert eigentlich eine Finanzmarktkrise?

Bestmögliche Begleitung trifft Langsamkeit

Dies ist mit Sicherheit ein schönes Stück Musik schon wegen der grandiosen Begleitung. Als Folksongs begeistern mich die Interpretationen von Gillian Welch

Rating: ★★★½☆

jedoch nicht.

Hoch gelobt in der Presse reißt mich bei diesem Album eigentlich nur das perfekte Zusammenspiel von akustischer Gitarrenbegleitung und Gesang vom Hocker. David Rawlings begleitet so unaufgeregt, seine Tempi sind so fließend und seine Übergänge so Weiterlesen

Alienpartei dabei

GreenAlien

Rechtzeitig vor den Berliner Abgeordnetenhauswahlen stellt sich an der Julius-Leber Brücke in Berlin Schöneberg ein Kandidat der Alienpartei vor. Während Cem Özdemir (Grüne) dem Vernehmen nach nur zu einem Kurzbesuch von wenigen Minuten Dauer an diesem Ort einfliegen wird, ist dieser Kandidat schon wesentlich länger präsent. In leuchtenden Grüntönen wirbt er/sie/es Tag und Nacht für das einzige politische Ziel der Aliens: Verbot der Außenwerbung im Stadtbild und sofortige Entfernung der Leuchtwerbung am Schöneberger Gasometer.

Ernst zu nehmende Parteienforscher sagen den „UGA“ (unabhängige Green Aliens) Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich voraus. Über mögliche Koalitionsoptionen wollen die aufstrebenden Politiker derzeit noch nicht reden. Wie viel man mit unklaren Koalitionsaussagen und „ich will Bürgermeister werden“ Parolen beim Wähler falsch machen kann, sei derzeit in Berlin bei anderen Parteien oft genug zu bewundern, sagte die Spitzenkandidatin der Aliens.

Gent im Partyfieber

Auf der Durchreise in die Bretagne: Gent, eine mittelalterliche Stadt in Belgien.  Die Stadt ist unvermutet in high Spirits, weil im Sommer ein beliebtes Touristenfestival stattfindet. Bier gibt es in Massen, und die Stadtverwaltung schreitet ein:

Lothar’s Misere

Winter mit Leuchtwerbung – Foto: Rolf Brüning
Was hat der Petersburger Dialog mit dem Gasometer zu tun, Putin mit Projektentwickler Reinhard Müller und rückwärts? Ganz einfach: Es gibt die hohe Bereitschaft aller Beteiligten, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und für Lichtbilder zu posieren. Und überall ist Lothar de Maiziere dabei. Und der hat (außer seinem Spitznamen) auch ein Problem: Keine Action und mediokre Außendarstellung!
Am Gasometer verschaffte Lothar seinem Geschäftsfreund Reinhard Müller ein Ticket zum Petersburger Dialog. Was Müller wiederum ausnützte, um in zahlreichen Fotos und Presseerklärungen seine innige Verbundenheit zum sozialistischen Bruder im Osten zu dokumentieren. Zum Beispiel auf einem wie be-/gestellt wirkenden Gruppenfoto, wo vorn ein maskenhafter Putin und hinten wie Kai aus der Kiste ein Müller mit Fliege zu sehen war. Außer der Kontaktpflege und schönen Erinnerungsphotos ist von diesen Aktivitäten nicht viel geblieben: Die Russen kamen nicht an den Gasometer, der Moskauer Immobilienmann Ogirenko (ganz früher im Firmengeflecht Müllers vertreten) wird nicht mehr gesehen und der Gasometer selbst mit seinem Behelfsbau „WM-Kuppel“ funktioniert ganz prächtig – aber als Veranstaltungslocation und nicht als russisches Energie(macht)zentrum.
Jugendfoto: Lothar und Angela; Quelle: Bundesarchiv
Und jetzt wird Putin nicht mehr Träger des „Quadriga“ Preises – welch Bedauern und Misere für Lothar. Was der mit dem Quadriga-Preis zu tun hat? Der sitzt auch im Vorstand des Trägervereins, dessen erster Vorsitzenden der in Berlin für seine Verdienste um die Bauwirtschaft nicht unbekannte Klaus Riebschläger war. Vor lauter Schreck wird der „Quadriga-Preis“ offenbar 2011 überhaupt nicht vergeben. Das Motto „Leadership“ für dieses Jahr ist offenbar nur noch schwer personell zu besetzen. So viel zu Lothars Misere – Konzepte von vorgestern mit Häppchen und möglichst großen Namen.
Vielleicht hilft ihm sein Kumpel Reinhard ja aus der Patsche und lässt sich als echter Leader vom Gasometer noch schnell für 2011 nachnominieren.

Mit Bluegrass zur Unsterblichkeit

Ein ehrgeiziges Projekt verfolgte Steve Earle hier: Mit einem einzigen Bluegrass Album zur musikalischen Unsterblichkeit. Bluegrass ist überschaubar und der Versuch gelang mit

Rating: ★★★★½ DR = 7

1999 und mit ausschließlich eigenen Songs ohne Probleme. Mit der Del McCoury Band und so grandiosen Musikern wie Sam Bush (Fiddle) lässt es Earle von Anfang bis Ende krachen und schmalzen. Rau, erdig, manchmal richtig roh wie beim stampfenden Irish-Folk von

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Teilschließung Torgauer Straße

Poll auf BI-Gasometer.de
Manchmal bin ich froh, dass Demokratie nicht durch Klicks im Internet vollzogen wird. Da mache ich auf der Webseite von BI-Gasometer eine harmlose Umfrage (Poll), ob die Torgauer Straße von Osten (also von der Insel her) für Autos geschlossen werden sollte. Was von der SPD beantragt wurde und mehr als sinnvoll ist. Und dann das:
Für Nicht-Einheimische: Die Torgauer Straße ist auf einem kurzen Stück zwischen Cherusker- und Dominicusstraße sehr eng, steil, mit Autos unter anderem von diversen dort ansässigen Gebrauchtwagenhändlern zu geparkt und wird außerdem gern als Schleichweg zwischen Insel und Dominicusstraße genutzt. Der Verkehr ist dort eigentlich Anwohnern vorbehalten. So sollte es auch bleiben, was sich faktisch aber nur durchsetzen lässt, wenn die Straße für den Durchgangsverkehr dicht gemacht wird. Belassen wir es also nach bei 27 Votes und hoffen, dass der Ausschuss für Verkehr, Umwelt u.a. heute nachmittag etwas Besseres beschließt.

War schön, wird schön – Oderberger Straße

Quelle: Wikipedia.de

„War schön, wird schön“ krakelten riesige Werbeplakate monatelang an allen Ecken Berlins. Gemeint war das sehenswerte Baudenkmal Stadtbad Oderberger Straße, welches die Stiftung Denkmalschutz von und mit Projektentwickler Reinhard Müller für angeblich 100.000 EUR sehr günstig erworben hatte. Soweit erkennbar, blieb es bis heute bei dieser Ankündigung. Eine grundlegende Instandsetzung oder denkmalgerechte und dauerhafte Umnutzung des Kleinods von Baumeister Ludwig Hoffmann erfolgte bis heute nicht.

Wie die Prenzlauer-Berg Nachrichten jetzt melden, wird um die weitere Nutzung getrickst und gefeilscht, dass es den Außenstehenden verwundert. Da soll die vom selbst ernannten Denkmalschützer Reinhard Müller geleitete EUREF erst nicht an der Nutzung des Bauwerks beteiligt sein, danach stellt sich heraus, dass die Vermarktung jedenfalls einer Veranstaltung durch die „360 degrees cupola GmbH“ erfolgt. Diese wiederum gehört bekanntermaßen zum Einflussbereich von Reinhard Müller und wird von dessen Geschäftsfreund Christian Kuhlo geleitet, der zuvor bei der Senatsbauverwaltung tätig war.

Man kennt sich auch vom Schöneberger Gasometer. Dort vermarktete „360 degrees“ ebenfalls Veranstaltungen für Müller in dessen „WM-Kuppel“ genannten Behelfsbau im Gasometer. Und Herr Kuhlo besuchte häufiger die Sitzungen der bezirklichen Gremien, um das Gasometerprojekt seines Geschäftsfreundes zu präsentieren.

Laut Bericht der Zeitung wird die Verbindung zwischen EUREF AG und Veranstaltungen im Stadtbad zunächst dementiert und danach auf Lothar de Maizière verwiesen, einen Anwalt und weiteren Geschäftsfreund von Müller. De Maizière wiederum ist außer in der Stiftung Denkmalschutz Berlin (als Vorstand) auch für weitere Firmen aus dem Umfeld Müllers tätig.

Und zuletzt wird eine Kaufinteressentin zitiert, die angeblich aufgefordert wurde, zusammen mit dem Kauf des Stadtbades Bindungen an Baufirmen einzugehen.

Das Geschäftsgebahren Müllers erscheint mir wie ein großer Bauchladen: Eine Schublade Denkmalschutz, eine Schublade Denkmalspekulation, eine Schublade Denkmalvermarktung, eine Schublade Bau und das alles mit immer ähnlichem Personal. Man/n kennt sich.

Grünkohl, Dialog und Tempelhofer Probleme

auch mit der deutschen Sprache. Offenbar angeregt durch eine kleine, in eine Art Tempelhofer Sumpf zielende Bürgerfrage in der letzten BVV (deren Hintergründe hier noch nicht verraten werden) meldete sich Wolfgang „Ed“ Koch zu Wort. Er ist ein älterer Herr, der unter anderem Herausgeber des jugendpolitischen Pressedienstes paperpress (und scheinbar auch dessen Hauptautor) ist.

Suche nach Grünkohl auf der Homepage von paperpress

Außerdem macht Herr Koch noch manches andere. Er engagiert sich für Grünkohl ebenso deftig wie für den Mariendorfer (wo ist das noch gleich) Rocktreff, die Fortbildung zu Fragen des Töpferns und hat angeblich nebenher auch noch Zeit, die Öffentlichkeitsarbeit der Tempelhof-Schöneberger Bezirksstadträtin für Jugend und Solches, Angelika Schöttler (SPD) zu betreuen (wofür der Mann hoffentlich ein Gehalt im öffentlichen Dienst bezieht).

Google-Treffer – Papier eines freien Trägers

So richtig unübersichtlich wird es allerdings erst dann, wenn Herr Koch mal über sein liebstes Projekt außer dem bereits erwähnten Rock-Treff, nämlich die vielen Empfänge am Gasometer und deren Kritiker berichtet. Da entgleist der Monolog, nämlich

Wir hatten einmal vorgeschlagen, dass sich die BI mit Reinhard Müller treffen und sich alles, was auf dem Gelände bisher passiert ist und noch geschehen wird erklären lassen soll. Damit das Gespräch unverkrampft abläuft, hatten wir angeregt, dieses ohne Presse durchzuführen

und wird wenige Zeilen später zu einem (selbstverständlich ergebnisoffenen-) Dialog, nämlich hier:

Als „schwer verständlich“ bezeichnete Ziemann, dass sich die BI „zu einem ungestörten Dialog mit dem Projektentwickler (‚ohne Presse’) einfinden soll.“ Der Stil der BI ist bekannt, wer nicht Ziemanns Meinung ist, wird auf seiner Seite angezählt. Und dass Ziemann einen Vorschlag zum Dialog als „schwer verständlich“ wertet, ist nicht nur schwer, sondern überhaupt nicht zu verstehen. Nein, kein Dialog, kein Gespräch, man könnte ja seiner festgefahrenen Meinung beraubt werden. 

Wer der deutschen Sprache mächtig ist, erkennt hier die Freud’sche Fehlleistung. Am liebsten unterhalte ich mich mit Menschen, die Deutsch können UND interessant sind. Was man wohl von dem Verfasser solcher Schwullereien nicht behaupten kann.