Daniel Eschkötter – The Wire

The Wire gilt meiner Meinung nach zu Recht als eine der komplexesten Fernsehserien aller Zeiten. Und 5 Staffeln sind kein Pappenstiel. Daniel Eschkötter geht damit geschickt um und sortiert seine 82 Seiten kurze Analyse nach Kontext und Entstehung der Serie einerseits, was ein guter Einstieg ist. Danach sucht und beschreibt er filmische, szenische und drehbuchtechnische Besonderheiten oder Grundthemen der Serie unter Zwischentiteln wie „Zusammenhänge“, „Police Work“, „Orte, Namen, Ökonomien“ und „Fälle enden“. Er geht dabei ausschließlich analytisch vor, wenn er etwa die ebenso spannende wie vielfältige Variation des Zusammenhangs in der szenischen Darstellung beschreibt. Beispielhaft am Ablauf der wirklich atemberaubend konstruierten Inszenierung der Folgen 1.4 bis 1.6 analysiert er beispielsweise, wie die Autoren und Regie das Grundmotiv „Alles hat mit Allem zu tun“ in Serienepisoden übersetzen und dadurch eine gänzlich neuartige, in dieser Form wohl nur in einer Fernsehserie erlebbare Erfahrungswelt beim Zuschauer entstehen lassen.

Er lässt die vielfältigen Handlungsstränge im Detail ebenso links liegen wie den Plot als solchen (was gut ist, denn sonst wäre das Buch unlesbar und langweilig). Dafür extrahiert er inszenatorische Kniffe und Drehbuchdetails mit scharfem Blick und gutem Überblick: Worin sich Polizisten, Politiker und Gangster gleichen (ein ganz wichtiges Thema der Serie). Worin sich die großen Gangsterfiguren ähneln und voneinander unterscheiden vom strategisch und ausschließlich langfristig handelnden „Proposition Joe“, über den Kontrollfreak Avon Barkesdale bis hin zum superbrutalen und supercoolen Soziopathen Marlow. Welche wichtige Funktion Bubbles für die Serie hat. Was das ganze mit Baltimore, seinen Politikern und seinem wirtschaftlichen Wandel zu tun hat.

Wie es sich für ein gelungenes Werk dieser Gattung gehört, wird kein Kenntnisstand vorausgesetzt. Da Buch kann vor, während oder nach dem Genuss der Serie hilfreich sein, wobei es das Lesevergnügen steigert, zunächst zu schauen und danach zu lesen. Denn die sauber aufgebauten und clever kontruierten Staffeln brauchen eigentlich keinen „Serienführer“, was dieses Buch ohnehin nicht ist. Etwas störend fand ich den sehr gehäuften Gebrauch von Anglizismen und Soziologismen. Ein Satz wie „Es ist das Regieren mit der Statistik, das Transparenz simuliert und Zahlenspiele provoziert und produziert“ (S. 52) ist noch eher harmloses Beispiel. Dies ist aber auch teilweise dem Slang der Serie („Fuckedifuck“ in 36 Varianten in der großartigen Episode 1.4) und der letztendlich gelungenen, sehr gedrängten Darstellung und Analyse geschuldet. Schön auch die Hinweise zu den ganz wichtigen Episoden mit kurzer Beschreibung. Da waren Autor und Zuschauer sich wirklich komplett einig. Ein gelungenes Buch in diesem Genre.

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