Suit Yourself – rückwärts mit dem Stöckelschuh

Suit Yourself ist vermutlich Shelby Lynne’s bestes Album, eine Kombination von beeindruckendem Songwriting, gekonntem Gitarrenspiel der Sängerin und anrührendem, herzergreifendem Gesang. Und doch klingt es so, als wäre das Album mal eben im Vorbeigehen im heimischen Wohnzimmer aufgenommen worden. Der Vergleich mit der durch harte Arbeit erworbenen Leichtigkeit der Schauspielerin und Tänzerin Ginger Rogers sei daher erlaubt.

Shelby Lynne hat ein paar Besonderheiten: Sie sieht zwar gut aus und hat eine Stimme, die von vielen Hörern als „erotisch“ beschrieben wird. Sie ist aber vor allem eine stilsichere und erfahrene Musikerin, die neben ihrem scheinbar völlig entspannten tiefen Gesang auch exzellent Gitarre spielt und deren Songs so clever und raffiniert aufgebaut sind, dass es kaum ein Hörer merkt. Und sie greift immer wieder ganz tief in die Retrokiste, um aus schwärzestem Soul, Gitarrenrock, Country und gutem altmodischem Pop ihre eigene Musik zu erschaffen.

Es beginnt ungewöhnlich. Ein paar locker geschlagene Akkorde von Lynne, eine verunglückte Bridge, kurzes Lachen und dann beginnt die Band noch einmal und rockt „Go With It“ ohne Gnade. Und so geht es weiter ohne Pause. Ob die klassische Ballade mit dem Ruf nach Schlaf („Sleep“), ob das düster-folkige „Johnny Met June“ nur mit wenigen Strums begleitet und dann enorm abgehend. Immer ist es so locker wie gesummt morgens im Bad und dabei gibt es anderswo kaum so raffinierten Pop wie „Iced Tea“ – nur mit leisen Claps und wenig Gitarre begleitet klingt das wie die Urversion von „Yesterday“. Und der hymnische Titel „Where Am I Now“ ist nicht nur ein Ohrwurm, sondern auch großes Songwriting und ebenso anrührend wie im Detail musikalisch clever.

Shelby Lynne machte mit 21 Jahren ihr erstes Album. Nach einigen stilistischen Wandlungen findet sie mit diesem komplett selbst produzierten Album wie schon kurz zuvor mit dem Album Identity Crisis (2003) 16 Jahre  später zu ihrer passenden Form. Große Kunst in der Verkleidung eines lockeren Wohnzimmeralbums. Manchmal braucht es eben so lange..

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