Erfahren mit Twang und Tiefe

Der Titel „Identity Crisis“ des immerhin 7. Albums von Shelby Lynne

ist wohl ironisch gemeint: Nichts zu hören ist hier von den vorher teilweise qualvollen musikalischen Selbstfindungsversuchen dieser wirklich ausgefuchsten Musikerin, die mit 21 ihre erste Platte produzierte und kurz zuvor für ihr 6. Album (!) mit dem Grammy als „Best New Artist“ ausgezeichnet wurde. Lynne ist eklektizistisch im besten Sinne und bringt auf diesem Album -aufgenommen mit wenigen Musikern und wesentlich begleitet durch ihr eigenes, unglaublich stilsicheres und abwechslungsreiches Gitarrenspiel- einen bodenständigen Mix aus Soul, Ballade, Pop, Country und sogar echtem, erdigen Chicago-Blues (Evil Man). Überwiegend akustisch, mit fettem Kontrabass und den wundervollen Piano-Licks von Bill Payne begleitet, teilweise aber auch mit rasanten Twang- und E-Gitarren spielt und singt Lynne zu jedem Stil so intim und authentisch wie auf der heimischen Wohnzimmercouch. Der Titel „Bottons and Beaus“ ist ein gutes Beispiel: Mit lockerem Stöhnen eingeleitet, groovt sich der Song mit akustischer Gitarre und prickelndem Fender Rhodes durch einen klassischen Western-Swing. Lynne singt dabei so entspannt und sexy wie 20 Jahre früher Rickie Lee Jones bei „Weasel And The White Boy“ auf ihrem Debütalbum Rickie Lee Jones.

Lynne ist gut bei Stimme, ihr Gesang ist auch ohne Mätzchen und Vokalakrobatik so direkt und warm wie nötig. Dramatisch und sparsam bringt sie eine langsame Ballade wie „I Will Stay“ begleitet nur von sparsamer Gitarre, dünnen Streichern und wenigen geradezu schneidenden Tönen Payne’s am Klavier. Und gut rocken kann sie erst recht, wie etwa die Uptempo Nummer „I’m Alive“ zeigt. Im Bereich der weiblichen Singer-/Songwriter fallen mir Wenige ein, die so souverän und gekonnt von der Pop-Ballade (wunderbar der Closer „One With The Sun“) bis zum Rocker Alles abdecken.

Ein Album mit vielen Vorzügen: Das gekonnte Songwriting, die wirklich gute Gitarrenarbeit, die natürlich und direkt klingende Aufnahme (richtig audiophil, man hört jede Saite und jeden Fußklopfer) und dann noch eine Sängerin, die bei Ihren Interpretationen (wie etwa bei dem düsteren „I Don’t Think So“) immer den richtigen Ton trifft – Shelby Lynne hat sich selbst und uns als Produzentin und Interpretin ein wirklich gutes Album geschenkt.

Ein Gedanke zu „Erfahren mit Twang und Tiefe

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