Lyle Lovett macht kleine Musik ganz groß

Rating: ★★★½☆

Lyle Lovett versammelt hier im wahrsten Sinne eine „Large Band“ um sich, um ganz „kleine“, einfache Songs mit einer buchstäblich gigantischen Produktion einzuspielen. Und kultiviert seinen Hang zu sehr abwechslungsreichem „Stilbruch“ auf höchstem Niveau. Dass die Songs mit einer Ausnahme neu und von Lovett selbst sind, hört man nicht unbedingt heraus. Klassische Themen der amerikanischen Volksmusik (Heimat, Liebe, das schöne Mädchen) werden erst durch den knappen, präzisen Erzählstil und den sarkastischen Humor Lovett’s modern.

Unglaublich und faszinierend abwechslungsreiche Arrangements unter Einsatz praktisch sämtlicher Instrumente und Sounds, die moderne amerikanische Musik zu bieten hat:

Heftiges Gebläse (die Bläsersätze allein sind schon das Album wert), ausdrucksvolle Fiddles, Dobro, brilliante Satzgesänge der fünfstimmigen Gospel-Gruppe, recht modern klingende E-Gitarrensounds von Dean Parks bringen so viel musikalische Abwechslung mit, dass es manchmal schon fast zu viel ist. So wurde beispielsweise die lange Ballade „Up In Indiana“ gleich in zwei Versionen eingespielt – ein Mal mit vollem Orcheser und großem Sound und dann noch einmal ganz schnell, rein akustisch im Bluegrass-Stil. Herausragend auch ein Traditional mit leichten Änderungen – „I Will Rise Up“. Schon allein die Gesangsparts und der schwere Gospelbeat reichen, um jeden Hörer zu faszinieren. Musiker wie Russ Kunkel, Guy Clark, Jerry Hey und Dean Parks sowie die glänzend aufgelegte Sängergruppe sorgen für eine so brilliante und präzise Musik, dass auch die teilweise etwas sehr einfach gestrickten Songs spannend zu hören sind. Aufwändiger und gekonnter kann man moderne „alte“ amerikanische Musik (Gospel, Lounge-Jazz, Country, Swing, Blues und Bluegrass werden hier verarbeitet) nicht an die Hörer bringen. Eine Soundperle ist dieses Album (wie meist bei Lovett) ohnehin. Wer gern exotische Saiteninstrumente (Mandoline, Banjo, Fiddle, Dobro), locker schwebende Percussions und rasante akustische Gitarre hört, hat hier viel Freude. So viel Abwechslung, gute Musiker und einen so gediegenen Sound hätte ich dem auch 2007 entstandenen Album „We’ll Never Look Back“ der großartigen Mavis Staples gewünscht.

Und überhaupt war 2007 das Jahr der hochwertigen traditionellen amerikanischen Musik: Bruce Springsteen, Mavis Staples, Lyle Lovett, Alison Krauss sowie Levon Helm haben mit sehr ambitionierten Alben den Staub von der guten alten Musik der Amerikaner gepustet. Und die Grenzen zwischen traditionellem Country, R&B, Soul, Blues, Folk und Gospel existieren nicht mehr.

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