Herbie Hancock macht's mit Joni Mitchell

Joni Mitchell als Inspiration und ultra-cooler Kammerjazz
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Rating: ★★★★½

Herbie Hancock ist als Musiker dann am überzeugendsten, wenn er es richtig krachen lässt (wie auf seinem tollen Frühwerk „Headhunters“) oder wenn er seine Fähigkeit zu sparsamstem, kühlen Pianospiel richtig kultiviert. Hier gelingt ihm Letzteres wunderbar – kein Joni-Mitchell Coveralbum (dazu sind die Stücke vielfach zu weit von den Originalen entfernt), aber auch keine einfallslose Hommage.

Norah Jones zeigt schon im ersten Stück, einer wunderbar verlangsamten und vom Jazzrock-Gedudel der 70er befreiten Version von „Court And Spark“, dass die Harmonien und Themen von Mitchell absolut zeitlos sind. Der Song funktioniert auch ohne die glatten Stimmen des Originals perfekt. Und der zögerliche, verhaltene Gesang von Jones – wenn sie diesen Mut zur Interpretation doch nur auf den eigenen Alben hätte!

Tina Turner zeigt mit einer kräftigen und rauen Interpretation von „Edith And The Kingpin“, dass sie mehr als die Rock-Röhre geben kann. Auffällig hier das ganz verhaltene rhythmische Motiv der Begleitung, zuerst von einem Delay geformt und dann von Drummer Vinnie Colaiuta souverän übernommen und in den Song integriert wird. Überhaupt nicht unauffällig auch der Bassist Dave Holland – abwechslungsreich führt er durch die vertrackten Harmonien mit seinem so tief herabreichenden Kontrabass, dass die meisten Hörer mit normalen Stereoanlagen diese Töne wohl mehr erahnen als hören.

Danach übernimmt Hancock als „King Of Cool“ selbst das Zepter und steuert mit einer spannungsgeladenen und harmonisch vertrackten Folge von Modulationen den bekannten Folk von „Both Sides Now“ aus der Frühphase von Mitchell in musikalisch ganz tiefes Wasser. Mit Wayne Shorter am Saxophon geht diese erstaunliche Interpretation weit über das Original heraus und erzeugt eine Intensität und Spannung, die Mitchell vor 40 Jahren mit anderen Mittel erreichte. So konzentriertes und verhalten groovendes Spiel der kleinen Jazzband hörte ich zuletzt vom Julia Hülsmann Trio, an deren überragende Interpretationen von Pop-Standards hier manches erinnert.

Überragend auch der Titelsong „River“, eines der schönsten Stücke Mitchells von ihrem Album „Blue“. Wie Corinne Bailey Rae hier mit ihrem Gesang die Band in einen intensiven Groove führt, der diesem Song noch mehr Tiefe und Spannung gibt – das ist einmalig. Dieses Album erzeugt durch den unterkühlten Ansatz, das beseelte Zusammenspiel der Musiker und die Abwesenheit jeglicher Klischees eine anregende, abwechslungsreiche Spannung bis zum letzten Track, einer dringend notwendigen entschlackten Version von „Jungle Line“ mit Leonhard Cohen als Sprecher/Sänger.

Und so haben hier alle ihre Freude: Die vom Pop kommenden Fans von Mitchell daran, was hier durch Jazzmusiker möglich gemacht wird an Abwechslung und Interpretationskunst. Und die Fans von Jazz und Hancock erleben ein überragendes Jazzalbum mit musikalischen Vorlagen, die zur Entdeckung des umfangreichen und vielfältigen Werks von Joni geradezu einladen. Von der Höchstnote hält mich nur der eiserne Grundsatz ab, für Sampler und Coverversionen keine 5 Sterne zu vergeben.

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